Trichoskopie in der Praxis – Androgenetische Alopezie (AGA)
Die Trichoskopie ist bei der androgenetischen Alopezie (AGA) ein zentrales diagnostisches Instrument. Sie erlaubt nicht nur die Bestätigung der Verdachtsdiagnose, sondern vor allem die strukturierte Einordnung auffälliger Befunde und die Abgrenzung gegenüber entzündlichen oder vernarbenden Alopezieformen. Gerade in fortgeschrittenen Stadien entscheidet Erfahrung über diagnostische Sicherheit.
Typische trichoskopische Befunde bei AGA
Anisotrichose
Ein charakteristisches Zeichen der AGA ist die Mischung aus dicken Terminalhaaren und deutlich dünneren Haaren innerhalb desselben Areals. Diese Durchmesserstreuung – die Anisotrichose – spiegelt den zyklischen Miniaturisierungsprozess wider und gilt als eines der verlässlichsten trichoskopischen Kriterien.
Miniaturisierung
Die Miniaturisierung beschreibt die schrittweise Umwandlung kräftiger Terminalhaare in feinere, kürzere und weniger pigmentierte Haare. Trichoskopisch zeigt sich eine zunehmende Dominanz dünner Haarschäfte. Dieser Prozess verläuft langsam, über mehrere Haarzyklen hinweg, und ist kein Zeichen eines akuten Haarausfalls.
Peripilar-Sign (peripilares Zeichen)
Bei einem Teil der Patientinnen und Patienten mit AGA zeigt sich trichoskopisch eine bräunliche bis graue Hyperpigmentierung ringförmig um den Haarschaftaustritt: das sogenannte Peripilar-Sign.
Dieses Zeichen wird als Hinweis auf periphere entzündliche Veränderungen im Bereich des Haarfollikels interpretiert. Histologische Untersuchungen sprechen dafür, dass es mit entzündlichen Infiltraten im perifollikulären Bereich assoziiert sein kann.
Die Rolle dieser entzündlichen Komponente bei der AGA ist in der Literatur jedoch nicht abschließend geklärt und bleibt Gegenstand kontroverser Diskussionen. Konsens besteht darin, dass das Peripilar-Sign kein spezifisches Zeichen, sondern ein zusätzlicher Kontextbefund ist, der die Komplexität der AGA unterstreicht.
Focal atrichia in fortgeschrittener AGA
In späteren Stadien der AGA können kleine, umschriebene haarlose Areale (focal atrichia) auftreten. Dieser Befund ist bei AGA möglich, stellt jedoch einen diagnostisch sensiblen Moment dar, da er auch bei vernarbenden Alopezien vorkommen kann.
Der klinische Gedankengang
„Wenn ich focal atrichia sehe, zucke ich innerlich zusammen.“
Dieser Gedanke ist klinisch berechtigt. Umschriebene haarlose Areale werfen immer die zentrale Frage auf:
Handelt es sich noch um eine nicht vernarbende Alopezie – oder um den Beginn einer vernarbenden Erkrankung?
Die Trichoskopie liefert wertvolle Hinweise, ersetzt jedoch nicht in allen Fällen die histologische Abklärung. Besteht Unsicherheit, gilt ein klarer Grundsatz:
Biopsieren – mit zunehmender Erfahrung steigt die diagnostische Treffsicherheit.
Gerade die Kombination aus klinischem Bild, trichoskopischen Befunden und Histologie ermöglicht eine sichere Einordnung und verhindert irreversible Fehldiagnosen.
Wichtige Differenzialdiagnosen bei focal atrichia
Die folgenden Differenzialdiagnosen werden insbesondere dann relevant, wenn bei einer vermeintlichen AGA umschriebene haarlose Areale (focal atrichia) auffallen.
Traktionsalopezie
• Anamnese meist wegweisend (chronische Zugbelastung, Frisuren)
• Trichoskopisch häufig hair casts
• Miniaturisierung kann vorkommen, ist jedoch nicht das Leitsymptom
Alopecia areata
• Gelbe Punkte
• Ausrufezeichenhaare
Das Muster unterscheidet sich deutlich von der gleichmäßigen Miniaturisierung der AGA.
Central centrifugal cicatricial alopecia (CCCA)
• Häufig zentral am Scheitel beginnend
• Oft periphere Schuppung
• Früh entzündliche Zeichen möglich
Diese Diagnose sollte insbesondere bei entsprechenden Risikokonstellationen aktiv mitbedacht werden.
Wichtiger Hinweis zur Einordnung
Miniaturisierung allein ist unspezifisch.
Sie ist typisch für AGA, kann jedoch auch bei anderen Alopezieformen auftreten. Entscheidend ist stets das Gesamtbild aus Verteilung, Begleitzeichen, Anamnese und Verlauf.
Auch das Peripilar-Sign ist kein isoliertes Diagnosekriterium, sondern ein zusätzlicher Hinweis, der im klinischen Kontext interpretiert werden muss.
Fazit
Die Trichoskopie bei AGA ist mehr als das Erkennen dünner Haare. Sie erfordert einen strukturierten Blick, klinische Erfahrung und diagnostische Wachsamkeit.
Neben Miniaturisierung und Anisotrichose können Zeichen wie das Peripilar-Sign auf zusätzliche pathophysiologische Prozesse hinweisen.
Insbesondere Befunde wie focal atrichia verlangen eine bewusste Einordnung – denn hier entscheidet sich, ob eine nicht vernarbende Alopezie korrekt erkannt oder eine irreversible Erkrankung übersehen wird.
Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.




