Haarausfall ist ein Symptom – nicht die Diagnose

Kopfschmerzen, Fieber oder Übelkeit sind Symptome.

Genauso ist es mit Haarausfall.

Haarausfall ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein sichtbares Zeichen dafür, dass im Körper etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Erst die korrekte Diagnose der zugrunde liegenden Ursache ermöglicht eine sinnvolle Therapie. Ohne präzise Abklärung bleibt jede Behandlung unspezifisch – und im ungünstigsten Fall wirkungslos.

Diese Einordnung ist nicht nur medizinisch korrekt, sondern klinisch hoch relevant: Haar- und Kopfhauterkrankungen werden von Betroffenen häufig als sozial belastend erlebt. Studien zeigen für viele Alopezieformen konsistent Einschränkungen der Lebensqualität und eine relevante psychische Belastung.

Haarausfall ist komplex – die Ursachen sind vielfältig

Haarausfall ist kein einheitliches Problem.

Insgesamt sind über 100 verschiedene Diagnosen bekannt, die mit Haarverlust einhergehen können:
etwa 15 häufige Hauptdiagnosen,
35–40 weniger häufige Erkrankungen,sowie rund 50 seltene Formen. 

Diese diagnostische Vielfalt erklärt, warum Haarausfall nicht schematisch behandelt werden kann. Hinter dem gleichen Symptom verbergen sich Erkrankungen mit völlig unterschiedlicher Pathophysiologie, Prognose und therapeutischer Dringlichkeit – von gutartigen, selbstlimitierenden Verläufen bis hin zu entzündlichen oder vernarbenden Erkrankungen mit irreversiblem Haarverlust.

In spezialisierten Haarsprechstunden zeigt sich entsprechend eine klare Schwerpunktverteilung: Den größten Anteil machen Pattern Hair Loss aus, gefolgt von Alopecia areata, vernarbenden Alopezien und telogenem Effluvium. Diese Verteilung verdeutlicht, dass Haarausfall kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil dermatologischer Versorgung ist.

Die richtige Diagnose ist entscheidend

Haarausfall gehört in die Hände von Dermatolog:innen.

Nicht, weil jede Form sofort behandlungsbedürftig ist – sondern weil nur eine fachärztliche, strukturierte Diagnostik klärt,
welche Erkrankung vorliegt,
wie aktiv oder fortschreitend sie ist,
welche Prognose realistisch ist,
und welche Therapieziele sinnvoll und erreichbar sind. 

Gerade bei immunvermittelten Erkrankungen wie der Alopecia areata zeigt sich, dass eine frühe, korrekte Einordnung entscheidend für Aufklärung, Verlaufskontrolle und Therapieplanung ist. Gleichzeitig belegen Versorgungsanalysen, dass Patient:innen trotz fachärztlicher Betreuung nicht immer zügig in eine spezialisierte, strukturierte Versorgung gelangen.

Lebensqualität und Versorgung gehören zusammen

Haarausfall ist sichtbar. Und Sichtbarkeit bedeutet Angreifbarkeit.

Studien zeigen, dass Haarausfall erhebliche Auswirkungen auf Selbstwertgefühl und psychische Gesundheit haben kann. Ein relevanter Anteil der Betroffenen berichtet über Einschränkungen des Selbstbewusstseins und depressive Symptome.

Aus Patient:innensicht entscheidet sich Versorgungsqualität daher nicht allein an der Existenz von Therapien, sondern an deren Erreichbarkeit: organisatorisch, finanziell und regional.

Vision

Kein Mensch soll private oder berufliche Entscheidungen wegen Haarausfalls treffen müssen.

Die Grundlage dafür ist keine einzelne Therapie, sondern eine präzise Diagnose, eine realistische Aufklärung und eine strukturierte, qualitätsgesicherte Versorgung. Nur so lassen sich Lebensqualität und psychische Gesundheit nachhaltig schützen..

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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