Frage der Woche: Warum wachsen meine Haare trotz Rosmarinöl nicht nach?

Vielen Dank für diese Frage. Ich habe sie ausgewählt, weil mir in der Sprechstunde immer wieder Menschen sehr ähnlich berichten. Sie erzählen, dass sie Rosmarinöl konsequent angewendet haben. Über Wochen. Teilweise über Monate. Und dennoch hat sich nichts verändert. In manchen Fällen ist der Haarausfall subjektiv sogar stärker geworden.

Viele dieser Patientinnen und Patienten sagen sinngemäß, dass sie alles richtig gemacht haben. Sie haben bewusst natürliche Produkte gewählt. Sie wollten keine Medikamente einnehmen. Sie wollten ihrem Körper etwas Gutes tun. Und sie verstehen nicht, warum Rosmarinöl bei anderen angeblich funktioniert, bei ihnen selbst aber nicht.

Genau an diesem Punkt beginnt das eigentliche Problem.

Haarausfall ist kein Lifestyle Thema. Und er reagiert nicht zuverlässig auf universelle Lösungen, die für alle gelten sollen. Was auf sozialen Medien als einfache Wahrheit präsentiert wird, kollidiert in der Realität häufig mit der biologischen Komplexität des Haarwachstums.

Schaut man sich Kommentare unter Videos oder Beiträgen genauer an, zeigt sich immer wieder dasselbe Muster. Menschen fragen, wie viel Rosmarinöl sie verwenden sollen. Wie oft pro Woche. Ob Juckreiz der Kopfhaut normal sei. Ob vermehrtes Shedding ein Zeichen dafür ist, dass die Behandlung wirkt. Und warum Dermatologinnen und Dermatologen so zurückhaltend reagieren, wenn es doch Studien zu Rosmarinöl gibt.

Diese Unsicherheit ist nachvollziehbar. Sie entsteht dort, wo Hoffnung auf Mythen trifft.

Im Folgenden möchte ich einordnen, was Rosmarinöl tatsächlich leisten kann, für wen es theoretisch infrage kommt und warum es bei vielen Betroffenen trotz konsequenter Anwendung keine Wirkung zeigt.

Die wichtigste Anmerkung vorweg ist jedoch eine andere.

Die entscheidende Frage lautet nicht, welches Öl wie oft verwendet wird. Entscheidend ist, welche Form von Haarausfall überhaupt vorliegt.

Aus ärztlicher Sicht folge ich hier konsequent einer klaren Struktur. Bevor über Behandlungen gesprochen wird, muss die Geschichte des Haarausfalls verstanden werden. Beginn, Verlauf, Auslöser und Begleitsymptome spielen eine zentrale Rolle. Ebenso wichtig ist die Untersuchung der Kopfhaut. Erst wenn bekannt ist, ob es sich um eine androgenetische Alopezie, ein telogenes Effluvium, eine entzündliche oder eine vernarbende Form des Haarausfalls handelt, lässt sich sinnvoll über Therapieoptionen sprechen.

Alles andere ist gut gemeint. Medizinisch ist es jedoch nicht zielführend.

Lässt Rosmarinöl Haare nachwachsen?

Seit mehreren Jahren wird Rosmarinöl in sozialen Medien als natürliche Lösung gegen Haarausfall beworben. Nutzerinnen und Nutzer berichten, dass sich ihr Haar nach der Anwendung von Rosmarinöl sichtbar verdichtet habe und wieder länger und kräftiger nachwachse. Diese Berichte stoßen auf große Resonanz. Sie treffen einen wunden Punkt. Haarausfall ist für viele Betroffene emotional belastend und mit einem hohen Leidensdruck verbunden. Umso größer ist die Hoffnung auf einfache und natürliche Lösungen.

Doch hält Rosmarinöl wissenschaftlich wirklich, was ihm zugeschrieben wird?

Haarausfall ist kein einfacher Prozess. Er ist biologisch komplex, hormonell gesteuert, genetisch geprägt und häufig von entzündlichen oder immunologischen Faktoren beeinflusst. Genau diese Komplexität macht ihn anfällig für vereinfachte Erklärungen und überzogene Erwartungen. Einzelne positive Erfahrungen lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle Betroffenen übertragen.

Internationale Expertenmeinung betont übereinstimmend, dass Rosmarinöl allenfalls einen milden Effekt haben kann. Dieser Effekt ist nicht vergleichbar mit dem, was durch etablierte und evidenzbasierte Therapien erreicht wird. Wer ein zuverlässiges oder deutliches Haarwachstum erwartet, wird durch Rosmarinöl allein in der Regel enttäuscht werden.

Was ist Rosmarinöl und warum wird es bei Haarausfall eingesetzt?

Rosmarinöl ist ein ätherisches Öl, das aus der Pflanze Rosmarinus officinalis gewonnen wird. Es wird seit Langem in Haar und Hautpflegeprodukten verwendet. Die theoretische Grundlage für seinen Einsatz bei Haarausfall beruht auf seinen entzündungshemmenden und antimikrobiellen Eigenschaften. Diese könnten die Durchblutung der Kopfhaut verbessern und entzündliche Prozesse reduzieren. Beides sind Faktoren, die für die Funktion des Haarfollikels eine Rolle spielen.

Einige experimentelle Arbeiten liefern eine mögliche biologische Erklärung für den diskutierten Effekt von Rosmarinöl. In einer Tierstudie mit Mäusen zeigte sich, dass Rosmarinöl offenbar ein Enzym hemmen kann, das Testosteron in Dihydrotestosteron umwandelt. Weitere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Rosmarin möglicherweise auch die Bindung von Dihydrotestosteron an den Androgenrezeptor reduzieren könnte. Über diesen Mechanismus entfaltet das Hormon seine Wirkung auf den Haarfollikel. Diese Zusammenhänge wurden unter anderem von Friedman beschrieben.

Diese experimentellen Befunde sind biologisch plausibel. Allerdings konnte Rosmarinextrakt in klinischen Studien bislang nicht zuverlässig mit einer Reduktion von Haarausfall oder vermehrtem Hair Shedding in Verbindung gebracht werden. Ebenso fehlt der Nachweis, dass Rosmarinöl das Haarwachstum in klinisch relevanter Weise steigert.

Was zeigt die Studienlage?

Die bekannteste Studie zu Rosmarinöl stammt aus dem Jahr 2015. In dieser randomisierten Untersuchung wurde eine topische Rosmarinöllösung mit zwei Prozent Minoxidil bei Männern mit androgenetischer Alopezie verglichen. Nach sechs Monaten zeigte sich in beiden Gruppen eine ähnliche Zunahme der Haaranzahl.

Dieser Befund wird häufig zitiert. Er sollte jedoch kritisch eingeordnet werden. Die Studie hatte eine relativ kleine Teilnehmerzahl, eine kurze Beobachtungsdauer und keine Placebogruppe. Damit lässt sich nicht sicher beurteilen, ob die beobachteten Effekte tatsächlich auf die Behandlung zurückzuführen waren oder ob natürliche Schwankungen des Haarzyklus eine Rolle spielten. Zudem ist die Standardisierung von Rosmarinölpräparaten problematisch. Reinheit, Konzentration und Zusammensetzung variieren erheblich zwischen Produkten.

Entscheidend ist außerdem, dass sich diese Studie ausschließlich auf die androgenetische Alopezie bezieht.

Bei der Einordnung der Ergebnisse ist zudem zu berücksichtigen, dass in der Studie Minoxidil lediglich in einer Konzentration von zwei Prozent eingesetzt wurde. Diese Dosierung gilt heute bei Männern mit androgenetischer Alopezie nicht mehr als therapeutischer Standard. Aktuell wird in der Regel fünf Prozent Minoxidil empfohlen, da diese Konzentration in Studien eine deutlich höhere Wirksamkeit gezeigt hat.

Vor diesem Hintergrund ist der direkte Vergleich zwischen Rosmarinöl und zwei Prozent Minoxidil kritisch zu bewerten. Selbst bei vergleichbaren Effekten in dieser Studie lässt sich daraus keine Gleichwertigkeit zu modernen, evidenzbasierten Minoxidiltherapien ableiten.

Nicht jeder Haarausfall ist gleich

Haarausfall ist kein einheitliches Krankheitsbild. Die androgenetische Alopezie unterscheidet sich grundlegend vom telogenen Effluvium, von der Alopecia areata oder von vernarbenden Alopezien. Ursache, Verlauf und Therapie sind unterschiedlich.

Für andere Formen des Haarausfalls gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Belege, dass Rosmarinöl das Haarwachstum verbessert oder den Haarverlust reduziert. Eine Übertragung der Ergebnisse aus der androgenetischen Alopezie auf andere Erkrankungen ist medizinisch nicht zulässig.

Risiken und Grenzen der Anwendung

Ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion häufig unterschätzt wird, ist die direkte Anwendung von Ölen auf der Kopfhaut. Öle können Follikelöffnungen verstopfen, abgestorbene Hautzellen und Talg einschließen und so sekundäre Kopfhautprobleme begünstigen. In der dermatologischen Praxis zeigen sich nicht selten Juckreiz, Brennen, Schuppung oder irritative Reaktionen.

Ätherische Öle können zudem Kontaktreaktionen oder allergische Dermatitiden auslösen. Viele Patientinnen und Patienten berichten zunächst, sie würden nur milde oder natürliche Produkte verwenden. Erst im Gespräch zeigt sich, dass mehrere ätherische Öle oder Duftstoffe parallel angewendet werden. Diese Kombination kann die Kopfhaut erheblich belasten und bestehenden Haarausfall sogar verstärken.

Wahrnehmung und natürliche Schwankungen

Ein Teil der positiven Berichte zu Rosmarinöl lässt sich auch kosmetisch erklären. Das Öl kann das Haar glänzender erscheinen lassen und Haarbruch reduzieren. Dadurch wirkt das Haar optisch voller, ohne dass tatsächlich mehr Haare nachgewachsen sind.

Hinzu kommt, dass Haarausfall bei vielen Erkrankungen natürlichen Schwankungen unterliegt. Besonders beim telogenen Effluvium kommt es typischerweise zu Phasen starken Haarverlusts mit anschließender spontaner Erholung. Beginnt in dieser Phase eine neue Maßnahme, wird die folgende Besserung häufig der Behandlung zugeschrieben, auch wenn sie Teil des natürlichen Verlaufs ist.

Gibt es Lebensstilfaktoren, die Haarausfall beeinflussen?

Unabhängig von Rosmarinöl spielen bei bestimmten Formen von Haarausfall Lebensstilfaktoren eine wichtige Rolle für die Haargesundheit. Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung und ein gutes Stressmanagement sind grundlegende Voraussetzungen für die Funktion des Haarfollikels.

Ebenso wichtig ist es, bei entsprechender Vorgeschichte mögliche Nährstoffmängel zu erkennen und gezielt zu beheben. Eisenmangel, Zinkmangel, Vitamin D Mangel oder eine unzureichende Proteinzufuhr können Haarausfall begünstigen oder verstärken.

Auch mechanische Belastungen der Haare sollten nicht unterschätzt werden. Enge Zöpfe, straff gebundene Pferdeschwänze oder Haarverlängerungen können zu einer Traktionsalopezie führen. Diese entsteht durch dauerhaften Zug auf die Haarfollikel und kann bei fortgesetzter Belastung dauerhaft sein.

Darüber hinaus kann die Behandlung entzündlicher Kopfhauterkrankungen wie der seborrhoischen Dermatitis den Haarverlust reduzieren, wenn die Entzündung kontrolliert wird.

Wie sollte Rosmarinöl angewendet werden?

Zur idealen Anwendung von Rosmarinöl bei Haarproblemen gibt es nur wenige wissenschaftlich fundierte Empfehlungen. In der Praxis wird meist geraten, Rosmarinöl nicht pur, sondern verdünnt anzuwenden. Üblich ist die Mischung weniger Tropfen mit einem Trägeröl wie Kokosöl oder Jojobaöl, um Hautreizungen zu vermeiden.

Rosmarinöl gilt insgesamt als relativ gut verträglich und verursacht meist nur geringe Irritationen. Dennoch können individuelle Unverträglichkeiten auftreten, insbesondere bei empfindlicher oder bereits entzündeter Kopfhaut.

Rosmarinöl als Ergänzung, nicht als Ersatz

Rosmarinöl kann in einzelnen Fällen als begleitende Maßnahme sinnvoll sein, insbesondere bei Menschen, die etablierte Therapien wie Minoxidil nicht vertragen. Es ist jedoch kein Ersatz für klinisch erprobte medizinische Behandlungen.

Bei androgenetischer Alopezie stehen evidenzbasierte Therapien zur Verfügung, darunter topisches oder niedrig dosiertes orales Minoxidil, Finasterid, Spironolacton vor allem bei Frauen sowie Dutasterid im Off Label Einsatz. Diese Therapien zeigen in Studien reproduzierbare Effekte, solange sie konsequent angewendet werden.

Alle Behandlungen haben gemeinsam, dass erzielte Erfolge verloren gehen, sobald die Therapie beendet wird. Zudem können Nebenwirkungen und Wechselwirkungen auftreten, weshalb eine ärztliche Begleitung notwendig ist.

Fazit

Rosmarinöl ist kein Wundermittel gegen Haarausfall. Es besitzt eine begrenzte wissenschaftliche Grundlage für einen milden Effekt bei androgenetischer Alopezie. Für andere Formen des Haarausfalls ist seine Wirksamkeit nicht belegt. Ohne korrekte Diagnose besteht die Gefahr, wertvolle Zeit zu verlieren oder bestehende Probleme zu verschärfen.

Die Behandlung von Haarausfall beginnt nicht mit einem Therapieplan.

Sie beginnt mit Verstehen, Diagnostik und der darauf abgestimmten evidenzbasierten Therapie.

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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