Frage der Woche: Mein Sohn (zwölf Jahre) hat seit Mai 2025 keine Haare mehr . Er nimmt seit Anfang Litfulo. Leider sind noch keine Haare nachgewachsen. Was sollen wir tun ?

Wenn ein Kind seit Monaten keine Haare mehr hat, ist das für die Familie kaum auszuhalten. Und wenn dann eine moderne Therapie wie Litfulo begonnen wurde, ein gezielter JAK-Inhibitor, erwartet man innerlich, dass „jetzt endlich etwas passiert“. Wenn das nicht geschieht, entsteht schnell der Gedanke: Es wirkt nicht. Wir müssen etwas ändern.

So einfach ist es bei der Alopecia areata leider nicht.

Zunächst: Die meisten JAK-Inhibitoren brauchen Zeit. Mehr Zeit, als man emotional erträgt. In Studien und Real-World-Daten sieht man erste sichtbare Haaransätze im Durchschnitt nach etwa zwei Monaten. Aber „erste Ansätze“ bedeutet oft: feine, helle Flaumhaare. Kein kosmetisch relevantes Ergebnis. Substanzielles Nachwachsen, also ein sichtbarer Unterschied, tritt bei vielen Patientinnen und Patienten erst nach sechs, sieben, manchmal acht Monaten ein. Manche noch später.

In einer größeren Kohorte zeigte sich nach drei Monaten nur bei etwa 10 % ein deutlicher Effekt. Nach sechs Monaten waren es rund 40 %. Nach neun Monaten über 50 %. Das heißt: Wer nach drei Monaten kaum Veränderung sieht, gehört statistisch eher zur Regel als zur Ausnahme.

Deshalb gilt bei AA und JAK-Therapie oft der Satz: Zeit ist Haar.

Drei Monate sind in der Regel zu kurz, um eine Therapie als „Versager“ zu bezeichnen, außer es passiert wirklich gar nichts oder es treten relevante Nebenwirkungen auf.

Was bedeutet „gar nichts“?

Kein Flaum. Keine Pigmentierung. Keine Veränderung der Kopfhaut. Kein Rückgang der entzündlichen Aktivität. Wenn auch nach sechs bis neun Monaten in ausreichender Dosierung keinerlei Trend erkennbar ist, dann muss man neu denken.

Dann gibt es mehrere Möglichkeiten.

Man kann kombinieren.

JAK-Inhibitoren wirken immunmodulierend. Aber die Haarfollikel brauchen zusätzlich manchmal Wachstumsreize. Topische Kortikosteroide, intraläsionale Injektionen, kurzfristige systemische Steroide: das kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein. Auch Minoxidil, topisch oder niedrig dosiert oral, kann als Add-on einen synergistischen Effekt haben. Es beschleunigt nicht die Immunmodulation, aber es unterstützt den Follikel im Wachstumsimpuls.

Manchmal spielen auch begleitende Faktoren eine Rolle. Chronischer Stress. Eisenmangel. Vitamin-D-Mangel. Schlafstörungen. Diese Dinge lösen AA nicht allein aus, aber sie können die Schwelle beeinflussen, ab der das Immunsystem „kippt“.

Eine weitere Option ist ein Wechsel des JAK-Inhibitors.

Es gibt Hinweise darauf, dass Patientinnen und Patienten auf unterschiedliche JAK-Substanzen unterschiedlich reagieren: vermutlich aufgrund unterschiedlicher Selektivität und individueller Immunprofile. In kleineren Serien sprachen zwei Drittel der Non-Responder auf einen anderen JAK-Inhibitor an. Das ist keine Garantie. Aber es zeigt: Ein Nichtansprechen ist nicht zwangsläufig ein endgültiges Therapieversagen.

Was gelegentlich unter Experten diskutiert wird (und ich sage das bewusst vorsichtig) ist eine Dosiseskalation. Bei einzelnen JAK-Inhibitoren wurde in frühen Dosisfindungsstudien mit höheren Dosen gearbeitet. Theoretisch kann das die Wirksamkeit steigern. Praktisch ist es jedoch kontrovers, weil JAK-Inhibitoren dosisabhängig Risiken tragen: thromboembolische Ereignisse, schwere Infektionen, seltene Malignome. Dafür gibt es bislang keine robuste Langzeitdatenlage im Hochdosisbereich bei AA. Wenn so etwas erwogen wird, dann nur unter strenger Indikationsstellung und engmaschiger Kontrolle in spezialisierten Zentren.

Und jetzt zu Ihrem Sohn.

Zwölf Jahre. Seit Mai ohne Haare. Seit „Anfang“ auf Litfulo: entscheidend ist: seit wann genau? Zwei Monate? Vier? Fünf?

Hat sich wirklich gar nichts getan? Oder vielleicht doch ganz feiner Flaum? Gab es zwischendurch Phasen von minimaler Aktivität? Wie hoch war der SALT-Score zu Beginn? Gibt es Augenbrauen- oder Wimpernbeteiligung? Andere Autoimmunerkrankungen? Atopie? Stressfaktoren? Das alles beeinflusst die Einschätzung.

Wenn er erst seit drei oder vier Monaten behandelt wird und keine Nebenwirkungen hat, würde ich in vielen Fällen noch nicht abbrechen. Wenn wir sechs Monate erreichen und wirklich null Trend sehen, dann sollte man strukturiert neu evaluieren: Dosis, Adhärenz, Kombination, Differenzialdiagnose, eventuell Wechsel.

Das Wichtigste ist: nicht aus Panik handeln. Aber auch nicht aus falscher Geduld verharren.

AA ist eine Erkrankung, bei der das Immunsystem den Haarfollikel vorübergehend „abschaltet“. Wir können versuchen, diese Fehlsteuerung zu modulieren. Wir können sie bremsen. Wir können sie manchmal sehr gut kontrollieren. Eine Garantie gibt es nicht. Und manchmal braucht es mehrere Therapieversuche.

Ich würde Ihnen raten, die Situation gemeinsam mit einer auf AA spezialisierten dermatologischen Sprechstunde systematisch durchzugehen. Mit Zeit. Mit Zahlen. Mit Verlaufskontrollen. Nicht nur mit Gefühl.

Denn das Gefühl sagt oft: Es passiert nichts. Die Daten sagen manchmal: Es dauert einfach länger…

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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