Frage aus dem Q&A Seminar: Welche neuen Therapieansätze oder Medikamente werden derzeit für Alopecia Areata universalis oder totalis erforscht?

Neue Therapieansätze bei Alopecia Areata

Von der Entzündungshemmung zur gezielten Immunregulation

Welche neuen Therapieansätze werden bei schwerer Alopecia Areata erforscht?

Die Alopecia Areata, insbesondere in schweren Verlaufsformen wie Alopecia Areata totalis oder universalis, ist keine zufällige Entzündung. Die entzündliche Reaktion stellt den Ausdruck eines fehlgeleiteten Immunprozesses dar, der sich zwischen Haarfollikel und Immunzellen gegenseitig verstärkt. Dieser sich selbst erhaltende Mechanismus wird häufig als immunologischer „Teufelskreis“ beschrieben.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass sich dieser Kreislauf heute gezielter unterbrechen lässt als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig wird deutlich, dass dies vermutlich nicht durch ein einzelnes Medikament gelingen wird. Das übergeordnete Ziel moderner Therapiestrategien ist daher die Wiederherstellung eines immunologischen Gleichgewichts, nicht lediglich das kurzfristige Stoppen des Haarverlusts .

Immunologische Grundlagen der Erkrankung

Der Krankheitsprozess beginnt auf der Ebene der Zellkommunikation. Zentral ist dabei die Immunsynapse, die Kontaktstelle zwischen antigenpräsentierenden Zellen (APCs) und T-Zellen. Durch eine Fehlsteuerung wird der Haarfollikel vom Immunsystem fälschlicherweise als „Fremdstruktur“ erkannt.

In der Folge kommt es zur Aktivierung zytotoxischer CD8⁺-T-Zellen, die direkt am Haarfollikel eine Entzündung auslösen. Diese frühe immunologische Fehlreaktion markiert den Beginn der Erkrankung und erklärt, warum Alopecia Areata primär eine immunvermittelte Erkrankung des Haarfollikels ist .

JAK-Inhibitoren: Bremsung der akuten Entzündung

Ein wesentlicher Fortschritt der letzten Jahre ist die Einführung von JAK-Inhibitoren. Diese Substanzen hemmen den JAK-STAT-Signalweg, über den zentrale Zytokine wie IFN-γ, IL-15 und IL-2 wirken. Dadurch wird die Immunaktivität am Haarfollikel reduziert, was bei einem Teil der Patient:innen erneutes Haarwachstum ermöglicht.

Mit Baricitinib und Ritlecitinib stehen erstmals zugelassene Medikamente zur Verfügung, die bereits ab dem 12. Lebensjahr eingesetzt werden können. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein zentrales Problem: Nach Absetzen der Therapie treten Rezidive häufig auf. Dies macht deutlich, dass JAK-Inhibitoren zwar effektiv die akute Entzündung bremsen, das immunologische Rückfallpotenzial jedoch nicht dauerhaft beseitigen .

TRM-Zellen: Das immunologische Rückfallgedächtnis

Ein Schlüssel zum Verständnis von Rückfällen sind die tissue-resident memory T cells (TRM-Zellen). Diese Immunzellen verbleiben dauerhaft im Gewebe und sind durch Marker wie CD103⁺ und CD69⁺ gekennzeichnet.

TRM-Zellen produzieren entzündungsfördernde Mediatoren wie IFN-γ, IL-17 sowie CXCL9/10 und tragen maßgeblich zur Zerstörung des sogenannten immune privilege des Haarfollikels bei. Sie können durch Zytokine wie IL-12, IL-15 und IL-18 reaktiviert werden, was zu einer NKG2D-vermittelten zytotoxischen Reaktion führt.

Entscheidend ist: TRM-Zellen persistieren auch nach klinisch erfolgreicher Therapie. Sie erklären die typischen Schub-Remissions-Zyklen, die hohen Rückfallraten und die seltene therapiefreie Remission. Solange diese Zellen im Gewebe vorhanden sind, bleibt die Erkrankung grundsätzlich reaktivierbar .

TRM-Zellen als therapeutisches Ziel

Vor diesem Hintergrund richtet sich der Fokus der aktuellen Forschung gezielt auf Strukturen, die das Überleben und die Aktivität von TRM-Zellen steuern. Untersucht werden insbesondere:
• IL-15-Blockade, da IL-15 ein zentrales Überlebenssignal für TRM-Zellen darstellt
• Modulation von IL-2 und IL-9, die Differenzierungsprozesse von T-Zellen beeinflussen
• NKG2D-Inhibition, um die zytotoxische Aktivität der TRM-Zellen zu unterbrechen
• CD103 und CD69 als mögliche Marker für eine gezielte Depletion dieser Zellen

Ein zusätzlicher Ansatz ist die Kombination mit einer Aktivierung regulatorischer T-Zellen (Tregs), beispielsweise durch Substanzen wie Rezpegaldesleukin, um das immunologische Gleichgewicht aktiv zu stabilisieren .

TRBV-gerichtete Immuntherapie: Präzision statt Immunsuppression

Ein innovativer, noch präklinischer Ansatz ist die TRBV-gerichtete Immuntherapie. Autoreaktive T-Zellen bei Alopecia Areata tragen häufig spezifische TRBV-Rezeptorsegmente. Ziel dieses Konzepts ist es, genau diese pathogenen Zellklone selektiv zu eliminieren, während das restliche Immunsystem geschont bleibt.

Der Ansatz ähnelt Strategien aus der Krebsimmuntherapie (z. B. CAR-T-Zellen) und steht für einen Paradigmenwechsel: weg von breiter Immunsuppression hin zu hochpräziser Immunmodulation .

Haarzyklus, Mikrobiom und Umweltfaktoren

Die Immunregulation bei Alopecia Areata endet nicht an der Hautoberfläche. Der Haarfollikel ist insbesondere in der Katagenphase eine strukturelle Schwachstelle und dadurch immunologisch besonders anfällig.

Darüber hinaus beeinflussen Mikrobiom-Veränderungen, insbesondere im Sinne einer Dysbiose entlang der Darm-Haut-Achse, die Immunbalance. Auch Lebensstil- und Umweltfaktoren wie Stress, hormonelle Veränderungen, allergische Erkrankungen und Ernährung spielen eine relevante Rolle.

Das therapeutische Ziel besteht darin, eine systemische Stabilität zu erreichen, die eine lokale Immunruhe am Haarfollikel ermöglicht .

Echte Remission statt Dauertherapie

Eine echte Remission bedeutet eine anhaltende Krankheitsruhe ohne laufende Therapie. Sie setzt voraus:
• Kontrolle oder Reduktion von TRM-Zellen
• Stärkung regulatorischer T-Zellen
• Meidung individueller Trigger

Ein Heilungsversprechen ist damit nicht verbunden. Dennoch zeigen aktuelle Konzepte, dass eine nachhaltige Immunberuhigung prinzipiell erreichbar ist .

Fazit: Ganzheitlich denken – gezielt handeln

Ein rein symptomatischer oder einseitiger Behandlungsansatz reicht bei chronischer oder schwerer Alopecia Areata nicht aus. Die Erkrankung ist multifaktoriell, entsprechend muss auch die Therapie mehrdimensional sein.

Entscheidend ist die Kombination aus:
1. Immunmodulation (JAK-Inhibitoren, TRBV-Strategien, Treg-Aktivierung)
2. Kontrolle des immunologischen Rückfallgedächtnisses (TRM-Zellen)
3. Schutz des Haarfollikels
4. Berücksichtigung von Mikrobiom, Umwelt und Lebensstil

Das übergeordnete Ziel ist eine stabile, möglichst therapiefreie Remission – nicht allein sichtbares Haarwachstum.
Nicht das Haar allein, sondern das Immunsystem muss wieder ins Gleichgewicht kommen .

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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