Frage aus dem Q&A Seminar: Ist das Immunsystem bei Menschen mit Alopecia areata grundsätzlich anfälliger für Erkrankungen?
Diese Frage stellen viele Patientinnen und Patienten mit Alopecia areata (AA) – verständlich, denn der Begriff Autoimmunerkrankung wird häufig mit einer generellen Immunschwäche gleichgesetzt. Die aktuelle wissenschaftliche Datenlage zeigt jedoch ein differenziertes Bild.
Alopecia areata: Autoimmunität bedeutet nicht Immunschwäche
Alopecia areata ist eine organspezifische Autoimmunerkrankung, bei der fehlgeleitete Immunreaktionen gezielt Haarfollikel betreffen. Entscheidend ist:
Das Immunsystem ist fehlreguliert, aber nicht insgesamt geschwächt.
Im Gegensatz zu immunsupprimierten Erkrankungen liegt bei unbehandelter Alopecia areata keine generelle Abwehrschwäche gegenüber Infektionserregern vor.
Was sagen große Bevölkerungsstudien?
Eine zentrale populationsbasierte Kohortenstudie aus dem Vereinigten Königreich (Messenger AG et al., British Journal of Dermatology, 2023) untersuchte mehrere tausend Menschen mit Alopecia areata im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.
Die wichtigsten Ergebnisse:
Kein erhöhtes Risiko für bakterielle, virale oder fungale Infektionen
Keine Hinweise auf eine generelle Immunschwäche
Die Häufigkeit von Infektionserkrankungen entspricht der der Allgemeinbevölkerung
Diese Daten sind besonders relevant, da sie nicht aus kleinen Fallserien stammen, sondern aus einer großen, realitätsnahen Bevölkerungsanalyse.
Wann kann das Infektionsrisiko steigen?
Nicht die Erkrankung selbst, sondern bestimmte Therapien können das Infektionsrisiko beeinflussen.
Ein erhöhtes Risiko kann auftreten bei:
systemischer Kortisontherapie
immunsuppressiven Medikamenten
JAK-Inhibitoren (je nach Substanz, Dosierung und individueller Risikokonstellation)
Das Risiko ist therapiebedingt – nicht krankheitsbedingt.
Deshalb ist vor Beginn einer systemischen Behandlung immer eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und eine strukturierte Aufklärung notwendig.
Was bedeutet das für Betroffene?
Für Menschen mit Alopecia areata gilt:
Das Immunsystem arbeitet grundsätzlich leistungsfähig
Betroffene sind nicht häufiger krank als andere Menschen
Alltägliche Infektionen verlaufen in der Regel nicht schwerer
Vorsichtsmaßnahmen sind nur unter immunsuppressiver Therapie erforderlich
Zusammenfassung
Alopecia areata ist eine Autoimmunerkrankung, aber keine Immunschwäche.
Ohne immunsuppressive Behandlung besteht keine erhöhte Infektanfälligkeit. Diese Unterscheidung ist wichtig – medizinisch, aber auch für die psychosoziale Entlastung der Betroffenen.
Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

