Frage aus dem Q&A Seminar: Ist bei Alopecia areata bald eine Heilung möglich?

Diese Frage stellen viele Betroffene sehr früh. Sie ist verständlich, denn Alopecia areata tritt häufig plötzlich auf und verändert das äußere Erscheinungsbild sichtbar. Umso wichtiger ist eine klare und ehrliche medizinische Einordnung.

Die kurze Antwort lautet:
Aktuell gibt es keine Heilung im klassischen Sinn.
Was jedoch möglich ist, ist eine wirksame Krankheitskontrolle.

Was bedeutet „Heilung“ – und warum dieser Begriff bei Alopecia areata nicht zutrifft

Wenn wir von Heilung sprechen, denken wir meist an eine Therapie, nach der eine Erkrankung vollständig verschwindet und keine weitere Behandlung mehr notwendig ist.

Dieses Konzept trifft auf Alopecia areata derzeit nicht zu. Die Erkrankung gehört zu den chronischen, immunvermittelten Erkrankungen, bei denen eine Kontrolle der Krankheitsaktivität möglich ist, nicht jedoch eine dauerhafte Ausschaltung der Ursache.

Warum Alopecia areata derzeit nicht heilbar ist

Die entscheidende Ursache liegt in der genetischen Grundlage der Erkrankung.

Alopecia areata ist eine multifaktoriell bedingte Autoimmunerkrankung. Etwa 70 % des Erkrankungsrisikos beruhen auf genetischer Prädisposition, etwa 30 % auf Umwelt- und Triggerfaktoren.

Die genetische Veranlagung – also die Neigung des Immunsystems, Haarfollikel fehlgeleitet anzugreifen –
besteht lebenslang.

Mit den heutigen medizinischen Möglichkeiten lassen sich Gene nicht gezielt und dauerhaft korrigieren oder „abschalten“. Therapien können die Immunreaktion beeinflussen, nicht aber die genetische Grundlage entfernen.

Zentrale Konsequenz

Wir können:
• Entzündungsprozesse stoppen oder bremsen
• Haarwachstum wieder ermöglichen
• die Krankheitsaktivität kontrollieren

Wir können jedoch derzeit nicht garantieren, dass:
• die Erkrankung nie wieder auftritt
• keine neuen Herde entstehen
• die Immunreaktion dauerhaft ausbleibt

Warum Medikamente trotzdem sehr wirksam sein können

Moderne Therapien greifen nicht an den Genen, sondern an den Folgen der genetischen Veranlagung an – also an der fehlgeleiteten Immunantwort.

Das bedeutet:
• Die Erkrankung kann über längere Zeit ruhig gestellt werden
• teilweise über Monate oder Jahre
• die grundlegende Neigung bleibt jedoch bestehen

Das realistische, zeitnahe Ziel bei Alopecia areata

Das medizinisch sinnvolle Ziel ist Krankheitskontrolle. Dazu gehören:
• Eindämmung der Entzündung
• Dämpfung der fehlgeleiteten Immunaktivität
• Förderung des Haarwachstums
• Verzögerung oder Vermeidung von Rückfällen
• Erhalt der Lebensqualität

Dieses Vorgehen kennen wir aus vielen anderen chronischen Erkrankungen, etwa Bluthochdruck, Diabetes, rheumatoider Arthritis oder Adipositas:
Keine Heilung – aber eine wirksame, oft stabile Kontrolle.

Heilung – Kontrolle – Remission

Diese Begriffe sollten klar unterschieden werden:
• Heilung:
Dauerhaftes Verschwinden der Erkrankung ohne Rückfallrisiko
→ derzeit nicht möglich
• Remission:
Haarneuwachstum, keine aktiven Stellen, vorübergehend keine Therapie notwendig
→ kommt vor, insbesondere bei milden Verläufen
• Krankheitskontrolle:
Stabilisierung der Erkrankung unter Therapie
→ zentrales Therapieziel

Kann Alopecia areata auch spontan wieder verschwinden?

Ja, das ist möglich – insbesondere bei kleinen, umschriebenen Herden. In solchen Fällen kann es vorkommen, dass die Haare spontan oder nach kurzer Behandlung nachwachsen und die Therapie beendet werden kann. Teilweise sind über Monate oder Jahre keine weiteren Maßnahmen nötig.

Ist das eine Heilung?

Nein.
Denn das Rückfallrisiko bleibt auch nach längerer beschwerdefreier Zeit bestehen.

Warum Rückfälle schwer vorherzusagen sind

Der zeitliche Verlauf lässt sich derzeit nicht zuverlässig vorhersagen:
• Rückfall nach sechs Monaten
• nach mehreren Jahren
• oder erst deutlich später

Bekannt ist jedoch:
Wer einmal Alopecia areata hatte, trägt ein erhöhtes Risiko für erneute Episoden.

Unterschiedliche Verlaufsformen – unterschiedliche Therapieziele

• Kleine, umschriebene Herde:
Häufig gelingt Haarneuwachstum, die Therapie kann beendet werden. Rückfälle sind möglich, aber nicht zwingend.
• Alopecia totalis oder universalis:
Meist ist eine dauerhafte Therapie notwendig. Wird sie beendet, kommt es häufig erneut zum Haarausfall.

Zusammenfassung für Betroffene

• Alopecia areata ist derzeit nicht heilbar, da ihre genetische Grundlage lebenslang besteht
• Sie ist jedoch in vielen Fällen gut behandelbar
• Ziel ist Krankheitskontrolle, nicht ein Heilungsversprechen
• Remissionen sind möglich, Rückfälle ebenfalls
• Therapieentscheidungen müssen individuell und langfristig getroffen werden

Eine realistische und transparente Aufklärung ist kein Pessimismus,
sondern die Grundlage für gemeinsame Entscheidungen, Geduld und langfristige Stabilität.

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

Realisiert durch