Authentizität bei Alopezie oder Wem gehört die Entscheidung?

Ich habe in den letzten Tagen zwei sehr unterschiedliche Situationen bei Social Media gesehen.
Beide Frauen ohne Haare. Beide öffentlich sichtbar.
Und doch beschreiben beide etwas völlig Unterschiedliches.
Die eine sagt: Das ist mein Markenzeichen. So möchte ich auftreten. (Link zu Beitrag)
Das ist eine Entscheidung.
Die andere beschreibt, dass sie emotional nicht bereit war. Dass sie sich unter Druck fühlte. Dass sie sich selbst in diesem Moment nicht wiedererkannte. (Link zu Beitrag)
Das ist ein Kontrollverlust.
Und genau hier liegt der Unterschied.
Alopecia areata ist keine ästhetische Variation. Es ist eine Autoimmunerkrankung. Der Haarverlust geschieht ohne Zustimmung. Ohne Planung. Ohne Vorbereitung.
In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass Patientinnen nicht primär nur unter dem Verlust der Haare leiden. Sondern unter dem Verlust der Kontrolle. Unter dem Gefühl, dass ihnen etwas entzogen wurde.
Und dann kommt die nächste Ebene dazu. Die soziale.
Muss ich das zeigen?
Muss ich stark sein?
Muss ich es akzeptieren?
Muss ich es verstecken?
Ich halte wenig von der moralischen Erwartung, dass jemand „zu sich stehen“ muss. Eine Perücke kann Ausdruck von Selbstbestimmung sein. Ein kahler Kopf ebenfalls. Beides kann authentisch sein. Und beides kann Schutz sein.
Was nicht authentisch ist, ist Druck.
Authentizität entsteht nicht dadurch, dass etwas sichtbar wird. Sondern dadurch, dass eine Entscheidung freiwillig getroffen wird.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern: Nicht ob jemand Haare hat oder nicht. Sondern ob jemand wählen darf.
Haarverlust ist nicht nur kosmetisch. Er berührt Identität, Selbstbild, soziale Rolle. Und manchmal verschiebt sich der Fokus zu schnell auf das Äußere während innerlich etwas ganz anderes verhandelt wird.
Ich frage mich oft:
Wenn wir von „Authentizität“ sprechen – meinen wir dann Mut? Sichtbarkeit? Oder meinen wir Freiheit?
Und wenn wir Freiheit meinen, dann sollten wir vorsichtig sein mit dem, was wir anderen als Stärke verkaufen.
In der Sprechstunde geht es selten um die Frage „Perücke oder nicht“.
Nicht jede Kahlheit ist ein „Statement“. Und nicht jede Perücke ist Verleugnung.
Authentizität bedeutet Wahlfreiheit.
Es geht um Kontrolle, Identität und Würde.
Um die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wann und wie man gesehen wird.
Vielleicht ist das der ruhigere, aber wichtigere Gedanke.
Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.







