Trichoskopie in der Praxis Telogenes Effluvium (TE)
– wenn das „Nicht-Sehen“ diagnostisch ist
Einordnung
Das telogene Effluvium ist eine der häufigsten Ursachen für diffusen Haarausfall. Klinisch wirkt es oft dramatisch, trichoskopisch dagegen überraschend unspektakulär. Genau darin liegt seine diagnostische Stärke: TE ist eine Trichoskopie-Diagnose des Ausschlusses. Nicht das Vorhandensein eines pathognomonischen Zeichens, sondern das Fehlen typischer Muster anderer Alopezien führt zur richtigen Einordnung [8] [12] [9].
Trichoskopische Befunde
In der Trichoskopie zeigt sich beim TE kein einzelnes spezifisches Leitsymptom. Typisch ist vielmehr eine Kombination aus Shedding-Hinweisen bei gleichzeitiger Abwesenheit androgenetischer oder autoimmuner Zeichen [10] [12].
Charakteristisch sind zahlreiche kurze, aufrecht stehende, spitz zulaufende nachwachsende Haare („upright regrowing hairs“). Sie stehen dicht beieinander und vermitteln subjektiv einen „stacheligen“ Eindruck. Dieses Bild findet sich in nahezu allen Formen des TE, einschließlich postinfektiöser und post-COVID-Verläufe [1-6].
Häufig fallen leere Follikelöffnungen auf, Ausdruck eines kürzlich stattgefundenen vermehrten Haarverlustes. [1-9].
Ebenfalls typisch ist eine Zunahme von Einhaar-Follikeleinheitenim Vergleich zu Zwei- oder Dreifach-Einheiten, was die Abgrenzung zur androgenetischen Alopezie unterstützt [1] [2] [5] [7] [10].
Die Haarschaftdurchmesser-Variation bleibt beim (chronischen) TE in der Regel unter 20 %. Diese relative Homogenität ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal gegenüber der androgenetischen Alopezie, bei der eine Variabilität von > 20 % erwartet wird [7] [10] [11] [12].
Vellushaare können vorkommen, stehen jedoch nicht im Vordergrund und sind deutlich weniger ausgeprägt als bei androgenetischer Alopezie [7] [11-16].
Gelbe Punkte oder ein peripiläres Zeichen sind, wenn überhaupt, nur vereinzelt zu sehen und nicht typisch für das TE-Muster [1] [7] [14-16].
Als unterstützender, neuerer Befund werden Hair casts beschrieben, die in einer Serie bei etwa 80 % der TE-Patientinnen beobachtet wurden, verglichen mit ca. 20 % bei weiblicher androgenetischer Alopezie [7].
In COVID-assoziierten Verläufen können zusätzlich Kapillarektasien der Kopfhaut auftreten, ohne das grundlegende trichoskopische TE-Muster zu verändern [3] [4] [17].
Der klinische Gedankengang
„Das telogene Effluvium ist oft oft übersichtlich, weil man fast nichts sieht. Das Fehlen pathologischer Zeichen ist bereits ein Hinweis. Wenn ich die vielen aufrecht nachwachsenden Haare sehe, weiß ich, dass hier kürzlich vermehrt Haare ausgefallen sind. Es erinnert an ein frisch gemähtes Feld mit gleichlangen Halmen. Dieses Bild gibt mir diagnostische Sicherheit und spricht für ein reversibles Geschehen.“
Dieses „Stoppelfeld-Muster“ steht für eine Synchronisation des Haarzyklus und nicht für eine strukturelle Schädigung des Haarfollikels [12].
Differenzialdiagnostische Abgrenzung
Die wichtigste Aufgabe der Trichoskopie beim diffusen Haarausfall ist die Abgrenzung zu anderen häufigen Entitäten.
Gegen eine androgenetische Alopezie sprechen das Fehlen einer relevanten Miniaturisierung, keine ausgeprägte Anisotrichose (> 20 %), nur wenige Vellushaare sowie das Fehlen eines frontookzipitalen Gradienten [10-15].
Gegen eine Alopecia areata incognita sprechen das Fehlen zahlreicher gelber Punkte, das Ausbleiben typischer dystropher oder „squiggly hairs“ sowie das insgesamt ruhige Bild ohne autoimmuntypische Marker [14] [15] [7].
Der fronto-okzipitale Vergleich ist dabei besonders hilfreich: Während sich bei der androgenetischen Alopezie die Durchmesser-Variation überwiegend frontal zeigt, ist sie beim TE – sofern vorhanden – gleichmäßig verteilt [11] [12] [13] [14] [15].
Diagnostische Einordnung
Die Trichoskopie beim telogenen Effluvium zeigt kein spektakuläres Einzelzeichen, sondern ein konsistentes Shedding-Muster bei erhaltener Follikelarchitektur. Das „Nicht-Sehen“ ist hier diagnostisch bedeutsam. In Kombination mit Anamnese und Verlauf ist die Trichoskopie ein zentrales Instrument, um TE sicher von anderen Ursachen des diffusen Haarausfalls abzugrenzen [8] [9] [12]. Gerade dies ist klinisch wertvoll: Sie erlaubt Beruhigung, Prognoseabschätzung und verhindert Überdiagnostik.
Literatur
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2. Guerrero-González G, González-Martínez G, Valdez-Zertuche J. Localized donor area acute telogen effluvium following follicular unit extraction. Skin Appendage Disorders. 2023;9. https://doi.org/10.1159/000531927
3. Saber M, Mardani E, Shahmoradi Z. Scalp capillarectasia as a trichoscopic sign of COVID-19-associated telogen effluvium. Journal of Cosmetic Dermatology. 2023;22. https://doi.org/10.1111/jocd.15717
4. Michelini S et al. Telogen effluvium in SARS-CoV-2 infection. JEADV. 2023;37. https://doi.org/10.1111/jdv.19015
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7. Abedini R et al. Can hair cast be a helpful dermoscopic diagnostic clue in telogen effluvium? Journal of Cosmetic Dermatology. 2022;21. https://doi.org/10.1111/jocd.15362
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9. Mehra S. Updates on trichoscopy in diagnosing scalp disorders. British Journal of Dermatology. 2025. https://doi.org/10.1093/bjd/ljaf085.105
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11. Jawade S et al. Comparison of trichoscopic findings in FPHL and CTE. Journal of Pharmaceutical Research International. 2021. https://doi.org/10.9734/jpri/2021/v33i60b34762
12. Rebora A. Telogen effluvium: a comprehensive review. Clinical, Cosmetic and Investigational Dermatology. 2019;12. https://doi.org/10.2147/CCID.S200471
13. Pak A et al. Trichoscopy as a useful tool to diagnose telogen effluvium. Annals of PIMS. 2024. https://doi.org/10.48036/apims.v20i4.1064
14. Ramadan A, Khaleel H. Trichoscopic comparison between TE and androgenic alopecia. Duhok Medical Journal. 2023. https://doi.org/10.31386/dmj.2023.17.1.5
15. Anvitha C, Srinivas S. Trichoscopic features of androgenic alopecia and telogen effluvium. IJDVLS. 2021.
16. Hofny E et al. Trichoscopic findings in noncicatricial alopecia. Journal of Current Medical Research and Practice. 2020;5. https://doi.org/10.4103/jcmrp.jcmrp_142_19
17. Madarka M. Aftermath of COVID through eyes of trichoscopy. Journal of Dermatology Research. 2024. https://doi.org/10.46889/jdr.2024.5210
18. Starace M et al. Trichodynia and telogen effluvium in COVID-19 patients. JAAD International. 2021;5. https://doi.org/10.1016/j.jdin.2021.07.006
Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.




