Frage der Woche
Habe ich Alopecia areata durch meine Ernährung ausgelöst – oder kann ich sie damit heilen?
Vegane und vegetarische Ernährung bei Alopecia areata (AA): Was wissen wir wirklich?
Die kurze Antwort – weil genau das viele beschäftigt
Diese Frage höre ich ständig. Und deshalb gleich klar und ohne Umwege:
Ernährung verursacht keine Alopecia areata.
Und sie kann die Erkrankung auch nicht heilen.
Was Ernährung aber kann: Sie wirkt im Hintergrund. Über Entzündungen. Über Nährstoffe. Über den allgemeinen Zustand des Körpers. Deshalb spielt sie eine unterstützende Rolle, aber begleitend, nicht als Therapie.
Alopecia areata und Ernährung – einmal ruhig eingeordnet
Alopecia areata ist eine autoimmune, entzündliche Haarerkrankung.
Das Immunsystem richtet sich gegen die Haarfollikel. Warum genau, ist komplex. Beteiligt sind vor allem:
->die genetische Veranlagung
->die Regulation des Immunsystems
->verschiedene Umweltfaktoren
Große Übersichtsarbeiten kommen hier immer wieder zum selben Ergebnis:
Ernährung ist keine ursächliche Behandlung.
Sie kann die medizinische Therapie unterstützen, aber nicht ersetzen.
Oder einfacher gesagt:
Gesunde Ernährung ist sinnvoll – sie ist aber kein Ersatz für eine dermatologische Behandlung (Pham et al., 2020; Minokawa et al., 2022; Bestavros et al., 2025).
Vegane und vegetarische Ernährung bei Alopecia areata
Kann man Alopecia areata mit Ernährung heilen? Diese Hoffnung begegnet mir oft. Die ehrliche Antwort lautet: nein.
Es gibt bisher keine guten Studien, die zeigen, dass eine vegane oder vegetarische Ernährung Alopecia areata heilt oder zuverlässig bessert.
Ja, es gibt einzelne Fallberichte mit Besserungen unter bestimmten Ernährungs- oder Supplementkonzepten. Aber: Das sind Einzelfälle. Sie lassen sich nicht auf andere übertragen. (Harvey, 2020)
Systematische Reviews sind hier eindeutig:
Ernährung hat keine eigenständige therapeutische Wirkung bei Alopecia areata. (Pham et al., 2020; Bestavros et al., 2025)
Kann pflanzliche Ernährung Alopecia areata verschlechtern?
Das mag enttäuschend klingen. Gleichzeitig ist es entlastend:
Niemand macht etwas falsch, nur weil die Haare trotz gesunder Ernährung nicht nachwachsen.
Diese Sorge ist verständlich – und sehr häufig.
Die gute Nachricht:
Eine gut geplante vegane oder vegetarische Ernährung ist mit Alopecia areata gut vereinbar.
Wenn es ungünstig läuft, dann nicht wegen „vegan“ an sich.
Sondern dann, wenn Mikronährstoffmängel unbemerkt bleiben oder nicht ausgeglichen werden.
Mikronährstoffe – hier wird es konkret
Was ist bei Alopecia areata gut untersucht?
Vegane Ernährung und Mikronährstoffe – nüchtern betrachtet
Im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen zeigen Betroffene häufiger:
-> einen Vitamin-D-Mangel (Odds Ratio etwa 3–4, 70–90 % betroffen)
-> niedrigere Zinkspiegel, teils verbunden mit höherer Krankheitsaktivität
-> gelegentlich niedrigere Folat-Spiegel
Diese Veränderungen gelten als beeinflussbare Faktoren.
Sie erklären die Erkrankung nicht, können den Verlauf aber mitprägen. (Thompson et al., 2017; Lee et al., 2018; Liu et al., 2020; Çerman et al., 2014; Lalošević et al., 2023; Yongpisarn et al., 2024)
Reviews zeigen: Bei veganer Ernährung ist die Zufuhr einiger Nährstoffe im Durchschnitt niedriger, vor allem:
-> Vitamin B12
-> Vitamin D
-> Zink
-> Calcium, Jod und Selen
Eine Studie zeigte schon nach vier Wochen veganer Ernährung ohne Supplemente einen deutlichen Abfall der Vitamin-B12-Marker (Lederer et al., 2019)
Gleichzeitig wird oft übersehen: Eine gut geplante und sinnvoll supplementierte vegane Ernährung kann den Körper vollständig versorgen. Probleme entstehen meist bei sehr einseitigen oder stark restriktiven Ernährungsmustern (Lee et al., 2023)
Neuere Studien zeigen Zusammenhänge zwischen:
-> hohem Alkoholkonsum
-> stark verarbeiteten Backwaren
-> und einem erhöhten Risiko für nicht-vernarbenden Haarausfall.
Ernährungsmuster – was sagen neuere Daten?
Dem gegenüber stehen pflanzliche, polyphenolreiche Lebensmittel wie Zwiebeln oder Tee, die eher mit günstigen Effekten assoziiert sind (Pan et al., 2025; Minokawa et al., 2022).
Wichtig ist, was man nicht daraus ableiten sollte: keine Verbotslisten, keine radikalen Diäten. Glutenfrei ist nur dann sinnvoll, wenn tatsächlich eine Zöliakie vorliegt. Für andere Eliminationsdiäten gibt es bei Alopecia areata keinen belastbaren Nutzen (Pham et al., 2020; Bestavros et al., 2025)
Was ist im Alltag wirklich sinnvoll?
Ganz bodenständig:
-> vollwertig essen, überwiegend pflanzenbetont
-> möglichst wenig stark Verarbeitetes
-> Alkohol und Zucker eher zurückhaltend
-> Vitamin-D-, Zink- und Vitamin-B12-Spiegel im Blick behalten
-> gezielt supplementieren, wenn ein Mangel vorliegt
und vor allem: die dermatologische Therapie konsequent fortführen
Nicht nötig sind:
-> spezielle „AA-Diäten“
-> wahllose Supplement-Stacks
-> strikte Ausschlussdiäten ohne medizinischen Grund
FAZIT
Eine vegane oder vegetarische Ernährung:
-> verursacht keine Alopecia areata
-> heilt sie nicht
-> kann bei ungünstiger Planung über Nährstoffmängel den Verlauf negativ beeinflussen
Entscheidend ist nicht das Label der Ernährung. Entscheidend ist, ob der Körper gut versorgt ist und ob Ernährung sinnvoll in ein medizinisch fundiertes Behandlungskonzept eingebettet ist
Literatur:
- Pham, C., Romero, K., Almohanna, H., Griggs, J., Ahmed, A., & Tosti, A. The Role of Diet as an Adjuvant Treatment in Scarring and Nonscarring Alopecia. Skin Appendage Disorders. 2020; 6. https://doi.org/10.1159/000504786
- Bestavros, S., Huang, R., McMullen, E., Metko, D., Sibbald, C., & Donovan, J. Dietary Measures as an Adjunctive Therapy in Alopecia Areata: A Scoping Review.. Clinical and experimental dermatology. 2025 https://doi.org/10.1093/ced/llaf047
- Minokawa, Y., Sawada, Y., & Nakamura, M. Lifestyle Factors Involved in the Pathogenesis of Alopecia Areata. International Journal of Molecular Sciences. 2022; 23. https://doi.org/10.3390/ijms23031038
- Pan, L., Moog, P., Li, C., Steinbacher, L., Knoedler, S., Kükrek, H., Dornseifer, U., Machens, H., & Jiang, J. Exploring the Association Between Multidimensional Dietary Patterns and Non-Scarring Hair Loss Using Mendelian Randomization. Nutrients. 2025; 17. https://doi.org/10.3390/nu17152569
- McElwee, K., Niiyama, S., Freyschmidt‐Paul, P., Wenzel, E., Kissling, S., Sundberg, J., & Hoffmann, R. Dietary soy oil content and soy‐derived phytoestrogen genistein increase resistance to alopecia areata onset in C3H/HeJ mice. Experimental Dermatology. 2003; 12. https://doi.org/10.1034/j.1600-0625.2003.120104.x
- Thompson, J., Mirza, M., Park, M., Qureshi, A., & Cho, E. The Role of Micronutrients in Alopecia Areata: A Review. American Journal of Clinical Dermatology. 2017; 18. https://doi.org/10.1007/s40257-017-0285-x
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- Lee, S., Kim, B., Lee, C., & Lee, W. Increased prevalence of vitamin D deficiency in patients with alopecia areata: a systematic review and meta‐analysis. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology. 2018; 32. https://doi.org/10.1111/jdv.14987
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Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.



