Kahle Stelle am Hinterkopf beim Baby: Neonatale okzipitale Alopezie (NOA) – normaler Haarwechsel mit 3–4 Monaten
Haarverlust am Hinterkopf eines Babys kann beunruhigend wirken – besonders, wenn sich innerhalb weniger Wochen nach der Geburt eine deutlich kahler wirkende Stelle entwickelt. In den allermeisten Fällen handelt es sich jedoch um eine harmlose, normale Erscheinung: die neonatale okzipitale Alopezie (NOA). Gemeint ist ein vorübergehender Haarverlust im Hinterkopfbereich (Occiput), der typischerweise im Alter von 3–4 Monaten auffällt. Entscheidend ist die Einordnung: NOA ist in der Regel kein Zeichen einer Erkrankung, sondern Ausdruck eines physiologischen, altersabhängigen Haarwechsels (Shedding).
Gerade in Familien hält sich hartnäckig die Vorstellung, die kahlen Stellen entstünden durch „zu viel Liegen auf dem Rücken“ oder durch Reibung am Kopfkissen. Für die neonatale okzipitale Alopezie gilt: Das ist nicht die Ursache. Der Mechanismus ist vielmehr ein Haarzyklus-Phänomen: Viele Haarfollikel treten in dieser Lebensphase synchronisiert in die Telogenphase ein, und es kommt anschließend zu einem physiologischen Effluvium. Diese Synchronisierung des Haarzyklus erklärt, warum der Haarverlust gerade zu diesem Zeitpunkt und in einem typischen Muster sichtbar wird – ohne dass eine mechanische Ursache zugrunde liegen muss.
Klinisch zeigt sich NOA als lokalisierte Ausdünnung am Hinterkopf, häufig mit einem charakteristischen Detail: Im unteren Nackenbereich bleibt nicht selten ein schmaler Streifen dichterer terminaler Haare erhalten. Die Kopfhaut selbst wirkt dabei unauffällig: Es finden sich keine Entzündung, keine Rötung und keine Schuppung. Genau diese Kombination – Alter, Verlauf und unauffällige Kopfhaut – macht die Diagnose in den meisten Fällen bereits klinisch plausibel. Entsprechend ist in der Regel keine apparative oder invasive Diagnostik notwendig; Grundlage sind Anamnese (Alter, zeitlicher Verlauf) und klinischer Befund.
Für Eltern ist eine zweite Botschaft besonders wichtig: Auch wenn der Haarverlust am Hinterkopf auffällt, ist das kein Grund, die Schlafposition zu verändern. Säuglinge sollen weiterhin in Rückenlage schlafen, weil diese Empfehlung ein zentraler Bestandteil der Prävention schlafbezogener Todesfälle (inkl. SIDS) ist. NOA darf nicht dazu führen, dass aus Sorge vor Haarverlust riskante Empfehlungen wie die Bauchlage abgeleitet werden.
Therapeutisch ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Eine Behandlung ist nicht erforderlich. NOA ist selbstlimitierend, das Haar wächst in der Regel von alleine wieder nach. Die Prognose ist sehr gut: Eine spontane Regeneration innerhalb weniger Monate ist zu erwarten, und es besteht kein Einfluss auf spätere Haardichte oder -qualität. Die wichtigste „Therapie“ ist daher die gezielte Aufklärung – sie reduziert Sorge, verhindert unnötige Maßnahmen und schützt vor falschen Ratschlägen.
Gleichzeitig gehört zur sauberen medizinischen Einordnung, bei untypischem Befund oder Begleitzeichen an Differenzialdiagnosen zu denken. Eine Alopecia areata ist unter 1 Jahr sehr selten, zeigt aber typischerweise scharf begrenzte, runde Herde und kann auch an anderen Lokalisationen auftreten. Eine Tinea capitis ist in diesem Alter ebenfalls selten, kann jedoch – anders als NOA – mit Schuppung, Erythem und ggf. Lymphadenopathie einhergehen. Sehr selten kommen andere angeborene oder frühe Haaranomalien in Betracht. In der Praxis ist die Abgrenzung meist unkompliziert: NOA zeigt das typische occipitale Muster, die Kopfhaut ist reizlos, und der Verlauf passt zum physiologischen Shedding.
Zusammengefasst ist die neonatale okzipitale Alopezie eine häufige, gutartige Erscheinung im Säuglingsalter. Sie beruht auf einem synchronisierten telogenen Haarwechsel und ist nicht kausal durch Reibung oder Lagerung bedingt. Für Ärzt:innen gilt: unnötige Diagnostik vermeiden, Eltern beruhigen – und die wichtige Empfehlung zur Rückenlage konsequent bekräftigen.
Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.
