Miniaturisierung bei androgenetischer Alopezie (AGA)
« Was wir meinen, wenn Haare „dünner werden“ »

Wenn bei der androgenetischen Alopezie (AGA) von Miniaturisierung gesprochen wird, ist damit kein plötzliches „Ausfallen“ der Haare gemeint, sondern ein schrittweiser struktureller Umbau des Haarfollikels. Dieser Prozess verläuft langsam, zyklisch und oft über Jahre – ist jedoch objektiv messbar.

Vom Terminalhaar zum Vellushaar

Gesunde Kopfhaare sind sogenannte Terminalhaare: dick, pigmentiert und lang wachsend. Unter dem Einfluss genetischer Prädisposition und androgener Signalwege (v. a. Dihydrotestosteron) verkürzt sich bei AGA schrittweise die Anagenphase.

Mit jedem Haarzyklus verliert das betroffene Haar an Durchmesser, Länge und Pigmentierung. Das ehemals kräftige Terminalhaar wird zunehmend feiner, bis es schließlich die Eigenschaften eines Vellushaares annimmt – kurz, dünn und kaum noch als „richtiges Kopfhaar“ wahrnehmbar.

Wichtig:

Das Haar verschwindet nicht sofort – es wird funktionell irrelevant.

Miniaturisierung ist ein zyklischer Prozess

Die Miniaturisierung erfolgt nicht abrupt, sondern:
• über mehrere Haarzyklen
• mit sukzessiver Reduktion der Haarschaftsdicke
• bei gleichzeitigem Erhalt des Follikels (zumindest initial)

Gerade deshalb wird AGA im frühen Stadium häufig unterschätzt oder fehlinterpretiert – insbesondere dann, wenn „noch Haare vorhanden sind“.

Was zeigt die Histologie? Das Terminal-/Vellus-Verhältnis

Ein zentrales objektivierbares Kriterium der Miniaturisierung ist das Verhältnis von Terminal- zu Vellushaaren (T:V-Verhältnis), das histologisch etwa im Rahmen einer Kopfhautbiopsie bestimmt werden kann.
• ca. 7 : 1 → physiologisch
• < 4 : 1 → vereinbar mit AGA
• ≈ 1 : 1 → fortgeschrittene AGA

Je weiter die Erkrankung fortschreitet, desto stärker verschiebt sich dieses Verhältnis zugunsten der Vellushaare. Die Haardichte kann dabei zunächst relativ stabil erscheinen, während die qualitative Haarmasse deutlich abnimmt.

Warum das klinisch relevant ist

Miniaturisierung erklärt, warum viele Patientinnen und Patienten berichten:
• „Ich habe noch Haare, aber kein Volumen mehr.“
• „Der Scheitel wirkt breiter, obwohl kaum Haare ausfallen.“
• „Die Frisur hält nicht mehr.“

Für die Diagnostik bedeutet das:

Nicht die Anzahl der Haare allein ist entscheidend, sondern ihre Qualität.

Trichoskopie und in ausgewählten Fällen Histologie ermöglichen es, diese Veränderungen frühzeitig zu erkennen, zu dokumentieren und im Verlauf zu beurteilen.

Fazit

Die Miniaturisierung ist das zentrale pathophysiologische Merkmal der androgenetischen Alopezie. Sie verläuft langsam, ist messbar und erklärt viele der klinischen Beobachtungen im Praxisalltag. Früh erkannt, eröffnet sie diagnostische Klarheit und realistische therapeutische Zielsetzungen.

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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