Frage aus dem Q&A Seminar: Welche anderen gesundheitlichen Probleme haben Patientinnen und Patienten mit Alopecia areata?

Die Alopecia areata (AA) ist eine klar definierte Autoimmunerkrankung mit einem typischen klinischen Erscheinungsbild. Viele Menschen mit Alopecia areata sind ansonsten völlig gesund. Dennoch ist es wichtig zu erkennen, dass ein Teil der Patientinnen und Patienten zusätzlich unter Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) leidet.

In der klinischen Realität ist Alopecia areata daher häufig nicht isoliert, sondern mit weiteren gesundheitlichen Problemen assoziiert. Diese betreffen nicht alle Betroffenen, treten insgesamt jedoch häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung und sind medizinisch relevant.

Welche Formen von Komorbiditäten können bei Alopecia areata auftreten?

Die bei Alopecia areata beschriebenen Begleiterkrankungen lassen sich in mehrere Gruppen einteilen:

Psychische Komorbiditäten

Psychische Begleiterkrankungen sind bei Alopecia areata häufig: Rund 50 % der Betroffenen weisen eine psychiatrische Komorbidität auf, etwa 27 % leiden an Angststörungen, knapp 20 % an Depressionen, und über 50 % zeigen eine ausgeprägte Alexithymie (eingeschränkte Wahrnehmung und Benennung eigener Gefühle) (Vallerand IA et al., 2018).

Immunologisch-entzündliche Komorbiditäten

Zahlreiche entzündlich-immunologische Erkrankungen überschneiden sich in ihren molekularen Grundlagen mit Alopecia areata.
Besonders relevant sind
-> Vitiligo (ca. 4-fach erhöht), -> Schilddrüsenerkrankungen (4–5-fach erhöht),
-> Psoriasis vulgaris und Psoriasis-Arthritis,
-> rheumatoide Arthritis,
-> chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn),
-> systemischer Lupus erythematodes sowie
->Hidradenitis suppurativa.

Atopische Komorbiditäten

Erkrankungen aus dem atopischen Formenkreis (z. B. atopische Dermatitis, Asthma bronchiale, allergische Rhinitis) finden sich bei etwa 40 % der Patientinnen und Patienten mit Alopecia areata, verglichen mit rund 20 % in der Allgemeinbevölkerung.

Metabolische Komorbiditäten

Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Alopecia areata mit Stoffwechselveränderungen assoziiert sein kann, auch unabhängig vom Körpergewicht.

Warum treten diese Begleiterkrankungen gemeinsam mit Alopecia areata auf?Viele der genannten Erkrankungen teilen genetische und immunologische Signalwege mit der Alopecia areata. Dazu gehören unter anderem:
• die Aktivierung von Th1- und Th17-Zellachsen,
• die Beteiligung proinflammatorischer Zytokine wie IFN-γ, TNF-α, IL-1 und IL-17,
• gemeinsame genetische Risikoloci, beispielsweise CTLA4, PTPN22 und ERBB3.

Diese Überschneidungen liefern Hinweise auf eine gemeinsame immunologische Prädisposition und sind auch für therapeutische Überlegungen relevant.

Klinische Bedeutung

Das Wissen um mögliche Begleiterkrankungen ist entscheidend für:
• die strukturierte Diagnostik,
• die individuelle Therapiewahl und Triggerbewertung,
• die langfristige Verlaufsüberwachung.

Warum wir nach Begleiterkrankungen fragen

Die Erhebung möglicher Begleiterkrankungen ist ein fester Bestandteil der medizinischen Beurteilung bei Alopecia areata, da sie wesentlich zum Verständnis der Erkrankung und zu einer individuell angepassten Betreuung beiträgt.

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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