Wie wird Haarausfall wirklich diagnostiziert?

Warum Fotos, Einzelbefunde oder Laborwerte allein nicht ausreichen

Es gibt Dutzende Ursachen für Haarausfall. Die entscheidende Frage lautet daher nicht ob Haarausfall vorliegt, sondern:
Wie gelangt man tatsächlich zu einer belastbaren Diagnose?

In den meisten Fällen sind dafür drei Komponenten zwingend erforderlich:
1. eine vollständige und sorgfältige Anamnese,
2. eine klinische Untersuchung,
3. und die Beurteilung der betroffenen Areale in der Trichoskopie.

Fehlt eine dieser drei Säulen, ist die diagnostische Sicherheit deutlich eingeschränkt.

Warum ein Foto nicht genügt

Ein einzelnes Foto von Haarausfall erlaubt nicht immer eine sichere Diagnose.
Warum? Weil ohne Kontext entschieden wird.

Ein Bild ersetzt weder:
• die Krankengeschichte,
• noch die klinische Untersuchung,
• noch die Möglichkeit, die Kopfhaut trichoskopisch zu beurteilen.

Viele Erkrankungen können Haarausfall imitieren. Ohne Trichoskopie bleibt diese Differenzierung oft unmöglich.

Warum Haarausfall ≠ Telogenes Effluvium ist

Das Lesen oder Hören der Aussage „Ich verliere viele Haare“ führt nicht automatisch zur Diagnose eines Telogenen Effluviums.

Auch wenn vermehrtes Shedding beschrieben wird, existieren zahlreiche andere Differenzialdiagnosen, die ein ähnliches Beschwerdebild verursachen können.

Eine sichere Einordnung gelingt erst durch die Kombination aus:
• Anamnese,
• Untersuchung,
• Trichoskopie.

Auch schöne Trichoskopie-Bilder reichen nicht allein

Selbst eine hochwertige trichoskopische Aufnahme führt nicht zwangsläufig zu einer sicheren Diagnose.

Warum?
Weil auch in der Trichoskopie Mimics existieren. Bestimmte Muster können sich ähneln, und selbst erfahrene Kliniker können hier fehlinterpretieren, wenn der Befund isoliert betrachtet wird.

Trichoskopie ist daher kein alleinstehendes Diagnosetool, sondern ein zentrales Element innerhalb einer Gesamtstrategie.

Die drei Säulen der Haarausfall-Diagnostik

Die diagnostische Sicherheit entsteht aus dem Zusammenspiel von:
• einer guten, vollständigen Anamnese,
• einer klinischen Untersuchung,
• einer strukturierten trichoskopischen Beurteilung.

In 98–99 % der Fälle lässt sich Haarausfall mit dieser Kombination zuverlässig diagnostizieren.

Sind Biopsien notwendig?

Biopsien sind nicht grundsätzlich erforderlich, um eine Diagnose zu stellen.
Sie werden vor allem dann relevant, wenn eine der anderen diagnostischen Säulen nicht verfügbar oder nicht ausreichend durchgeführt werden kann.

Und was ist mit Blutuntersuchungen?

Blutuntersuchungen sind in den meisten Fällen nicht notwendig, um die Diagnose zu stellen.

Sie können sinnvoll sein, um:
• begleitende Faktoren zu erfassen,
• Therapieentscheidungen zu unterstützen,
• oder den Behandlungsplan zu optimieren.

Sie helfen jedoch nicht primär, die Ursache des Haarausfalls zu identifizieren.
Die Annahme, Blutwerte seien der Schlüssel zur Diagnosestellung, ist ein weit verbreiteter Irrtum.

Zusammengefasst

Eine sichere Diagnostik von Haarausfall entsteht nicht durch Einzelbefunde, sondern durch Integration:
• Geschichte verstehen
• Befunde sehen
• Strukturen erkennen

Oder anders formuliert:
Haarausfall-Diagnostik ist kein Puzzle aus Einzelteilen – sondern ein Gesamtbild.

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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