Wenn Pilze Haare lieben – was Ektothrix und Endothrix über Tinea capitis verraten

Schuppende, juckende Kopfhaut, kahle Stellen oder plötzlich abgebrochene Haare – nicht immer steckt eine harmlose Reizung dahinter. Hinter diesen Symptomen kann sich eine Tinea capitis verbergen – eine Pilzinfektion der Kopfhaut, die bei Kindern häufig, bei Erwachsenen jedoch oft übersehen wird. Besonders Frauen nach der Menopause sind zunehmend betroffen. Entscheidend für Diagnose und Therapie ist die Frage: Wie genau befällt der Pilz das Haar?

Denn nicht jeder Pilz verhält sich gleich.

Während manche Erreger das Haar von außen angreifen, dringen andere tief ins Haarinnere ein.
Fachleute sprechen dann von Ektothrix- oder Endothrix-Infektionen:
zwei Muster, die über den Erregertyp, die Ansteckungsquelle und sogar die wirksamste Therapie Auskunft geben.

Bei einer Endothrix-Tinea capitis

dringen die Pilzsporen, sogenannte Arthrokonidien, in das Innere des Haares ein. Sie vermehren sich dort, während die äußere Schutzschicht des Haars, die Kutikula, intakt bleibt. Durch den Befall von innen verliert das Haar seine Stabilität und bricht direkt an der Kopfhaut ab. Zurück bleiben winzige schwarze Punkte. Das typische Bild der sogenannten „Black-dot“-Alopezie.
Endothrix-Erreger sind fast immer anthropophil, also Menschen-spezifisch. Tierreservoire spielen hier keine Rolle.
Eine Übertragung erfolgt ausschließlich von Mensch zu Mensch: direkt oder indirekt, etwa über Bürsten, Kopfstützen oder Kissenbezüge.
Häufige Erreger sind Trichophyton tonsurans, T. violaceum und T. soudanense. Diese Formen verlaufen oft wenig entzündlich, können aber chronisch bestehen bleiben und sich im familiären Umfeld rasch weiterverbreiten.
Ein wichtiges diagnostisches Merkmal: Endothrix-Erreger fluoreszieren nicht unter Wood-Licht (UV-Lampe).

Ganz anders verhält es sich bei der Ektothrix-Tinea capitis.

Hier lagern sich die Pilzsporen außen auf dem Haar an, zerstören die Kutikula und machen das Haar spröde. Es bricht dadurch einige Millimeter oberhalb der Kopfhaut ab. Die betroffenen Stellen erscheinen grau, stumpf und schuppig: das klassische Bild der „Gray-patch“-Tinea capitis.
Viele dieser Pilze stammen ursprünglich von Tieren und werden daher als zoophil bezeichnet.
Besonders häufig ist Microsporum canis, der typische Katzen- und Hundeerreger. Auch M. audouinii, T. verrucosum (von Rindern) und T. mentagrophytes (von Nagetieren oder Kaninchen) kommen vor.
Unter Wood-Licht zeigen Microsporum-Arten oft eine charakteristische grünlich-bläuliche Fluoreszenz: ein schneller Hinweis auf den Ektothrix-Typ.

Ektothrix-Infektionen lösen meist eine deutlichere Entzündungsreaktion aus als Endothrix-Infektionen. In manchen Fällen bildet sich ein sogenanntes Kerion, eine schmerzhafte, eitrige Schwellung der Kopfhaut. Der Unterschied ist klinisch relevant: Zoophile Pilze führen oft zu akuten, stark entzündlichen Verläufen; anthropophile Pilze dagegen zu eher stillen, chronischen Infektionen, die unerkannt weitergegeben werden können.

Auch in der Trichoskopie – der vergrößerten Untersuchung der Kopfhaut – lassen sich Unterschiede erkennen:
Bei Endothrix-Infektionen ist der Haarschaft von innen zerstört, die Haare brechen direkt an der Hautoberfläche.
Bei Ektothrix-Infektionen bricht das Haar erst oberhalb der Kopfhaut, was klinisch zu den typischen grauen, haarlosen Arealen führt.

Warum diese Unterscheidung mehr ist als reine Mikroskopie?

Weil sie die Therapie entscheidend beeinflusst:
Endothrix-Erreger wie Trichophyton tonsurans sprechen sehr gut auf Terbinafin an.
Ektothrix-Erreger wie Microsporum canis dagegen auf Griseofulvin oder Itraconazol.
Wird das falsche Medikament gewählt, verzögert sich die Heilung oder bleibt ganz aus. Deshalb sollte bei jeder Tinea capitis immer eine gezielte Erregerdiagnostik (Kultur oder PCR) erfolgen, um den Infektionstyp zu bestimmen.

Auch epidemiologisch ist die Differenzierung wichtig:
Eine Endothrix-Infektion weist auf Mensch-zu-Mensch-Übertragung hin, häufig im familiären oder schulischen Umfeld.
Eine Ektothrix-Infektion legt den Verdacht auf eine Tierquelle nahe. Bei positivem Nachweis von Microsporum canis sollte daher immer geprüft werden, ob Haustiere mitbeteiligt sind und tierärztlich behandelt werden müssen.

Zusammengefasst:

Ektothrix und Endothrix sind keine Fachbegriffe für Spezialisten, sondern Schlüssel zur korrekten Behandlung und Infektionskontrolle. Wer ihre Bedeutung versteht, erkennt nicht nur, wie sich Tinea capitis im Haar verhält, sondern auch, woher sie kommt, wie sie übertragen wird und womit sie am besten zu behandeln ist.

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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