Wenn die Haare dünner werden und vieles andere auch
Haarausfall in der Lebensmitte kommt selten allein. Was das bedeutet und warum der Zusammenhang so oft übersehen wird.
Viele Frauen, die wegen Haarausfall in meine Praxis kommen, beschreiben beim genaueren Nachfragen noch anderes. Schlechter Schlaf seit Monaten. Reizbarkeit, die sie selbst nicht verstehen. Das Gefühl, nicht mehr so klar denken zu können wie früher. Manchmal Kopfschmerzen, die häufiger werden. Manchmal eine Erschöpfung, die sich durch Schlafen nicht bessert.
Und sie fragen sich, ob das alles zusammenhängt.

Es tut es.
Was in der Perimenopause passiert und warum es nicht einfach „Hormonschwund” ist
Die Perimenopause beginnt oft Jahre vor der letzten Monatsblutung. Was viele nicht wissen: Es ist keine Phase des ruhigen Östrogenabfalls. Es ist eine Phase extremer hormoneller Instabilität.
Die Eierstöcke werden unzuverlässig. Mal reifen mehrere Follikel gleichzeitig, mal bleibt der Eisprung aus. Estradiolspiegel, die in normalen Zyklen verlässlich steigen und fallen, schwanken exzessiv und unvorhersehbar. Progesteron wird phasenweise kaum noch gebildet und damit fehlt seine beruhigende, stabilisierende Wirkung auf das Nervensystem. Der Metabolit Allopregnanolon, der über GABA angstlösend und schlaffördernd wirkt, fällt weg.
Gehirn, Nervensystem und Haarfollikel sind auf diese Instabilität nicht ausgelegt.
Begleitsymptome, die auf Perimenopause hinweisen sollten
Wenn Frauen in der Lebensmitte mit Haarausfall kommen und gleichzeitig eines oder mehrere der folgenden Symptome beschreiben, sollte Perimenopause aktiv in Betracht gezogen werden, auch wenn der Zyklus noch nicht unregelmäßig ist.
Schlafstörungen. Mindestens jede zweite Frau in den Wechseljahren schläft schlecht. Einschlafprobleme, nächtliches Erwachen, nicht erholsamer Schlaf. Schlechter Schlaf verstärkt seinerseits Haarausfall, denn er wirkt wie ein chronischer Stressor auf die Follikel.
Stimmungsveränderungen und erhöhte Stressempfindlichkeit. Reizbarkeit, die aus dem Nichts kommt. Geringe Anlässe, große Reaktionen. Phasen ungewohnter Traurigkeit oder Ängstlichkeit. Das sind keine Charakterveränderungen. Das ist Neurochemie. Östrogen reguliert Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. Wenn es wegfällt oder schwankt, verändert sich die Stimmungsregulation.
Brain Fog. Wortfindungsstörungen, Konzentrationsprobleme, das Gefühl, nicht mehr so klar denken zu können. Bis zu 80 Prozent aller Frauen im Klimakterium berichten darüber. Estradiol beeinflusst den Glucosestoffwechsel im Gehirn direkt . Schwankungen im Östrogenspiegel sind dort messbar. Das ist kein subjektives Empfinden, sondern ein dokumentierter physiologischer Effekt.
Migräne, die häufiger wird. Bei etwa der Hälfte der Migränepatientinnen nehmen Attacken in der Perimenopause zu, besonders bei Frauen mit bereits zuvor zyklusgebundener Migräne. Verantwortlich sind die exzessiven Estrogenschwankungen.
Psychische Vorgeschichte als Risikofaktor. Frauen, die früher eine postpartale Depression, eine prämenstruelle dysphorische Störung oder zyklusgebundene Migräne hatten, sind in der Perimenopause besonders vulnerabel. Das Gehirn hat offenbar eine Art hormonelle Sensitivität, die sich in dieser Phase wieder zeigt.
Was das mit dem Haar zu tun hat
Östrogen wirkt direkt auf den Haarfollikel. Es verlängert die Wachstumsphase, stabilisiert den Follikelzyklus und moduliert die lokale Androgenwirkung. Wenn es extrem schwankt, reagieren die Follikel auf zwei Arten:
Telogen Effluvium. Die hormonelle Instabilität wirkt wie ein systemischer Stressor. Viele Follikel wechseln gleichzeitig in die Ruhephase und fallen dann innerhalb weniger Wochen aus. Der Ausfall wirkt akut und alarmierend. Er bildet sich oft zurück, macht aber häufig eine vorbestehende Veränderung sichtbar, die zuvor unbemerkt geblieben war.
Female Pattern Hair Loss. Die genetisch angelegte Miniaturisierung der Follikel, die am Scheitel beginnt, beschleunigt sich in dieser Phase. Das Östrogen, das bisher teilweise gegen Androgenwirkung am Follikel schützte, fehlt oder schwankt. Die Haare werden feiner, kürzer, weniger dicht. Dieser Prozess ist schleichend und er wartet nicht auf die Menopause.
Beides tritt häufig gleichzeitig auf. Wer in dieser Phase nur den akuten Ausfall behandelt, behandelt das Symptom, nicht die Ursache.
Was ich in der Praxis frage
Wenn eine Frau Mitte vierzig oder Anfang fünfzig mit Haarausfall kommt, gehören zu meiner Anamnese inzwischen immer auch diese Fragen: Wie schlafen Sie? Haben Sie das Gefühl, sich schlechter konzentrieren zu können? Hat sich Ihre Stimmung verändert wie Reizbarkeit, Erschöpfung, ungewohnte Ängstlichkeit? Werden Ihre Zyklen unregelmäßiger?
Nicht weil Haarausfall ein psychisches Problem ist. Sondern weil Haarausfall, Schlafstörungen, Brain Fog und Stimmungsveränderungen in dieser Lebensphase häufig dieselbe Ursache haben: hormonelle Instabilität.
Wer diesen Zusammenhang kennt, kann gezielter abklären, gezielter behandeln und Patientinnen das Gefühl nehmen, dass sie sich alles nur einbilden.
Eigene Erfahrungen, Fragen, Themenvorschläge – gerne in die Kommentare.
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Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.
