Warum ich hier bin

Haarausfall ist ein Symptom. Kein Schicksal. Keine Frage der Kosmetik. Das sage ich täglich in der Sprechstunde und ich sage es, weil es immer noch nicht selbstverständlich ist.

Ich bin Fachärztin für Dermatologie und Allergologie. Ich habe Medizin in Marburg studiert, mein Staatsexamen an der Ruhr-Universität Bochum abgelegt, meine Weiterbildung in der Dermatologie und Allergologie absolviert und 2004 und 2005 meine Facharztprüfungen abgelegt. Meine Doktorarbeit befasste sich mit der therapeutischen Induktion allergischer Kontaktekzeme: ein frühes Lehrstück darin, wie das Immunsystem an der Haut arbeitet. Und wie komplex es ist.

Seit 2006 führe ich meine Spezialpraxis für Haardiagnostik in Essen. Nicht weil Trichologie ein einfaches Fach ist. Sondern weil es eines ist, das in Deutschland zu lange als Randthema behandelt wurde. Haar- und Kopfhauterkrankungen gehören heute zu den am schnellsten wachsenden Vorstellungsgründen in der ambulanten Dermatologie. Ihr Anteil hat sich in zehn Jahren versiebenfacht. Jeder zweite Mann, jede zweite Frau ist im Laufe des Lebens betroffen. Und trotzdem: zu wenig Spezialisierung, zu wenig Aufmerksamkeit, zu wenig Mut, die richtigen Fragen zu stellen.

Was ich immer wieder erlebt habe: Frauen und Männer, die jahrelang von Praxis zu Praxis geschickt wurden. Blutbild normal. Abwarten. Das sei halt genetisch. Was dabei vergessen wird: Die Diagnose stellt man nicht im Labor. Sondern mit dem Dermatoskop. An der Kopfhaut. Am Follikel. Und wer zu lange wartet, verliert Optionen. Denn Follikel, die miniaturisieren, kommen nicht zurück.

Das treibt mich an. Und es erklärt, warum ich nicht aufgehört habe zu lernen.

Ich habe das DDA-Zertifikat Trichologie mitentwickelt, weil Trichologie in Deutschland einen definierten, prüfbaren Standard braucht. Ich habe das Evidence Based Hair Fellowship bei Dr. Jeff Donovan absolviert, weil Evidenz kein Selbstläufer ist, sondern tägliche Arbeit. Ich bin Mitglied von BVDD, DDG, DDA und EADV. Und ich sitze im wissenschaftlichen Beirat von Alopecia Areata Deutschland e.V., weil ich glaube, dass gute Medizin ohne die Menschen, um die es geht, nicht funktioniert.

Meine Haltung ist dabei klar: Evidenz vor Bauchgefühl. Früh handeln statt abwarten. Haarausfall als das behandeln, was er ist: Medizin, nicht Kosmetik. Und immer: die ganze Geschichte der Patientin, des Patienten verstehen, bevor irgendetwas anderes beginnt.

Ich schreibe hier, weil es auf Deutsch zu wenig evidenzbasierte Trichologie gibt. Für Menschen, die verstehen wollen, nicht nur glauben sollen. Ohne Verkauf und Vereinfachung, die das wesentliche aussen vorlässt.

Wer früh kommt, hat mehr Optionen. Das ist die Wahrheit, die ich mir für jede Patientin und jeden Patienten wünsche, dass sie sie früher kennen.

Dr. med. Karin Beyer

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

Realisiert durch