Natürlich ist nicht dasselbe wie sicher. Warum dieser Gedanke wichtig ist …..

In der Sprechstunde werde ich regelmäßig nach Nahrungsergänzungsmitteln gefragt. Spirulina gehört dabei zu den Präparaten, die Menschen mit kreisrundem Haarausfall aktuell häufig ansprechen. Die Frage lautet fast immer gleich: Kann ich das nehmen? Es ist doch natürlich. Genau dieses Argument ist es, das mir im Alltag täglich begegnet. Und ein im April 2026 in der Fachzeitschrift „Skin Appendage Disorders“ erschienener Leserbrief gibt mir jetzt Anlass, es öffentlich zu diskutieren.

Das hartnäckigste Missverständnis in der Supplementkommunikation

Natürlich” bedeutet in der Wahrnehmung vieler Patientinnen und Patienten: unbedenklich, nebenwirkungsfrei, mit dem Körper im Einklang. Dieses Missverständnis ist nicht neu, aber es ist folgenreich. Mutterkorn ist natürlich. Arsen ist natürlich. Und Spirulina, eine Blaualge mit nachweislich immunmodulatorischer Wirkung, ist natürlich.

Das Besondere an Spirulina ist, dass es dieses Missverständnis in besonders reiner Form verkörpert: Es klingt harmlos, es ist überall erhältlich, es wird als “Superfood” vermarktet, und es ist immunologisch aktiv. Diese Kombination macht es zu einem Lehrstück für das, was in der ärztlichen Kommunikation über Nahrungsergänzungsmittel schief läuft.

Wer an einer Autoimmunerkrankung leidet, sollte bei immunologisch aktiven Substanzen besonders wachsam sein. Bei Alopecia areata gilt das in besonderem Maß.

Was Spirulina ist und warum es im Kontext von Haarausfall auftaucht

Spirulina ist ein Cyanobakterium der Gattung *Arthrospira*, das weltweit als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben wird. Es findet sich als Kapselpräparat, in Smoothiepulvern und als Farbstoff in zahlreichen Lebensmitteln, oft unter den Bezeichnungen “Superfood”, “Blaualgen” oder “blue-green algae”. Viele Patientinnen und Patienten nehmen es ein, ohne es im ärztlichen Gespräch zu erwähnen, weil es in ihrer Wahrnehmung kein Medikament ist.

Ausgangspunkt des Leserbriefs ist eine Übersichtsarbeit von Lee et al. (2025) über ayurvedische Behandlungsansätze bei Haarerkrankungen. Darin wurde ein pflanzliches Präparat erwähnt, das Spirulina enthält und in einer Studie bei Patientinnen mit Telogen-Effluvium, also dem diffusen Haarausfall, der häufig nach Infektionen, schwerem Stress oder Nährstoffmangel auftritt, mit signifikantem Haarwachstum assoziiert wurde. Das klingt positiv. Doch Gupta, Zappi und Kolleginnen von der NYU und der University of Pennsylvania stellen in ihrem Leserbrief eine andere, gezieltere Frage: Was bedeutet das für Menschen mit Alopecia areata?

Alopecia areata: eine Erkrankung des Immunsystems

Alopecia areata ist keine Erkrankung des Haarfollikels im engeren Sinne, sondern eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem richtet sich gegen die eigenen Haarfollikel. Normalerweise existieren Haarfollikel in einem immunologisch geschützten Zustand, dem sogenannten Immunprivileg des Haarfollikels. Bricht dieses Privileg zusammen, werden körpereigene Strukturen auf der Follikeloberfläche präsentiert, natürliche Killerzellen aktiviert, und es kommt zur lokalen Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen, allen voran Interferon-gamma (IFNγ) und IL-15. Diese Zytokine, also Signalmoleküle des Immunsystems, aktivieren den sogenannten JAK-STAT-Signalweg. Auf dieser Grundlage sind JAK-Inhibitoren wie Baricitinib und Ritlecitinib inzwischen für schwere Formen der Alopecia areata zugelassen worden. Eine Fallserie dokumentierte zudem signifikant erhöhte IFNγ-Serumspiegel bei AA-Patientinnen im Vergleich zu gesunden Kontrollen.

IFNγ ist also kein Randbefund. Es ist ein Schlüsselmolekül in der Krankheitsentstehung und Krankheitsunterhaltung der Alopecia areata.

Was Spirulina mit dem Immunsystem macht

Hier liegt der Kern des Leserbriefs. Bax et al. (2023) zeigten in einer In-vitro-Studie, dass Spirulina bei Patientinnen mit Dermatomyositis, einer entzündlichen Muskel-Haut-Erkrankung mit ausgeprägter Interferonsignatur, proinflammatorische Zytokine stimuliert. Konkret erhöhte Spirulina die Produktion von IFNγ, Interferon-beta und TNF-alpha. Der Mechanismus läuft über den Toll-Like-Receptor 4 (TLR4), einen Rezeptor des angeborenen Immunsystems, der bei Aktivierung eine Entzündungskaskade auslöst.

Dermatomyositis und Alopecia areata sind unterschiedliche Erkrankungen, aber sie teilen einen immunologischen Nenner: die pathogene Rolle von IFNγ. Gupta et al. formulieren daraus eine immunologisch begründete Hypothese: Wenn Spirulina die IFNγ-Produktion stimuliert, und IFNγ zentral an Entstehung und Unterhaltung der Alopecia areata beteiligt ist, könnte Spirulina eine AA verschlechtern oder einen Schub begünstigen?

Was das Paper sagt und was es nicht sagt

Dieser Punkt verdient Präzision: Die Hypothese ist nicht klinisch belegt. Es gibt keine randomisierten Studien, keine Fallserien, keine kontrollierten Beobachtungen, die eine Verschlechterung der AA durch Spirulina-Einnahme dokumentieren. Was vorliegt, ist eine immunologisch begründete Plausibilität. Die Autoren formulieren das selbst unmissverständlich: Further studies are warranted.

Es wäre falsch, aus diesem Leserbrief eine definitive Kontraindikation abzuleiten. Es wäre ebenso falsch, ihn zu ignorieren.

Warum ich dieses Paper ernst nehme

In meiner Sprechstunde werde ich regelmäßig nach Nahrungsmittelergänzungen gefragt, oft verbunden mit dem Hinweis, es sei ja schließlich natürlich. Genau diese Verknüpfung ist das Problem. Die Frage, die ich bislang selten befriedigend beantworten konnte, lautete: Kann Spirulina bei Alopecia areata schaden? Auf Basis dieses Leserbriefs lautet meine Antwort nun: Wir wissen es nicht sicher, aber es gibt einen immunologisch plausiblen Grund, bei Autoimmunerkrankungen des Haarfollikels vorsichtig zu sein. Die Evidenz reicht nicht für eine kategorische Empfehlung, wohl aber für ein informiertes Gespräch, das ich meinen Patientinnen und Patienten jetzt explizit anbiete.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das die Autoren zu Recht benennen: Nahrungsergänzungsmittel werden in Deutschland wie in den USA deutlich weniger streng reguliert als verschreibungspflichtige Medikamente. Sie durchlaufen keine klinischen Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit. Wer Spirulina kauft, kauft ein Produkt, dessen Wirkung auf Autoimmunerkrankungen kaum systematisch untersucht wurde.

Was Patientinnen und Patienten wissen sollten

Spirulina findet sich nicht nur in Kapseln. Es steckt als Zutat oder Farbstoff in Produkten, die als “Superfood”, “Blaualgen” oder “blue-green algae” vermarktet werden: in Smoothies, Riegeln, Pulvern, Nahrungsergänzungsmischungen. Wer an Alopecia areata erkrankt ist und Spirulina einnimmt oder erwägt, sollte das ärztlich besprechen, idealerweise bevor, nicht nachdem sich der Krankheitsverlauf verändert.

Das ist kein Aufruf zur Panik. Es ist ein Aufruf zur Transparenz. 

Natürlich bedeutet nicht sicher. Das gilt für Spirulina. 

Und es gilt als Prinzip weit über Spirulina hinaus.

Mehr dazu in meine

Quellen: 

Gupta R et al., Response to Lee et al., “Ayurvedic Treatments for Hair Disorders: A Narrative Review”. Skin Appendage Disord. 2026. DOI: 10.1159/000551827 — 

Bax CE et al., Herbal supplement Spirulina stimulates inflammatory cytokine production in patients with dermatomyositis in vitro. iScience. 2023. DOI: 10.1016/j.isci.2023.108355 — 

Lensing M, Jabbari A. An overview of JAK/STAT pathways and JAK inhibition in alopecia areata. Front Immunol. 2022. DOI: 10.3389/fimmu.2022.955035 — 

Tomaszewska K et al., Increased Serum Levels of IFN-γ, IL-1β, and IL-6 in Patients with Alopecia Areata and Nonsegmental Vitiligo. Oxid Med Cell Longev. 2020. DOI: 10.1155/2020/5693572*

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Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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