Meine Philosophie.

Ich werde nicht vergessen, was mir eine Patientin einmal sagte: „Ich habe aufgehört, meine Haare zu zählen. Irgendwann wollte ich es einfach nicht mehr wissen.“

Das ist kein Einzelfall. Das ist ein Muster. Ein Muster, das ich in meiner Praxis immer wieder sehe bei Frauen und bei Männern, bei jungen Menschen und bei älteren. Menschen, die aufgehört haben zu zählen, weil niemand ihnen zugehört hat. Die resigniert haben, nicht weil ihnen ihr Haar gleichgültig war, sondern weil sie irgendwann nicht mehr die Kraft hatten, weiterzukämpfen.

Das bewegt mich. Und es ist der Grund, warum ich tue, was ich tue.

Was Haarausfall wirklich bedeutet.

Haare sind nicht Kosmetik. Das ist der Satz, den ich täglich sage: in der Sprechstunde, in Vorträgen, in Artikeln. Und ich sage ihn, weil er immer noch nicht selbstverständlich ist.

Haare sind Identität. Sie sind Selbstwahrnehmung. Für viele Menschen sind sie das erste sichtbare Zeichen dafür, dass etwas im Körper nicht stimmt. Und für viele sind sie das letzte, das sie bereit sind aufzugeben.

Mein Mentor Dr. Jeff Donovan hat kürzlich beschrieben, wie weit das gehen kann: Patientinnen, die eine Chemotherapie ablehnen, weil sie ihr Haar nicht verlieren wollen. Frauen, die keine zweite Schwangerschaft mehr möchten. Menschen, die ein Herzmedikament absetzen. Das sind keine irrationalen Entscheidungen. Das sind zutiefst menschliche Reaktionen auf Verlust und Kontrollverlust. Wenn wir das als Ärztinnen und Ärzte nicht verstehen, behandeln wir am Menschen vorbei.

Der psychosoziale Druck bei Haarausfall ist real. Er ist messbar. Und er wird in der deutschen Medizin noch immer unterschätzt. Bis zu 29 Prozent der Frauen mit Haarausfall zeigen depressive Symptome. Viele berichten über Rückzug, über Scham, über das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Das ist nicht Befindlichkeit. Das ist Leidensdruck.

Was in Deutschland noch fehlt.

Ich habe viele Jahre erlebt, wie Trichologie in Deutschland als Randthema behandelt wurde. Zu wenig Fortbildung. Zu wenig Spezialisierung. Zu wenig Bereitschaft, dieses Fach ernst zu nehmen.

Das ändert sich langsam, aber es ändert sich. Das DDA-Zertifikat Trichologie, das ich mitentwickelt habe, ist ein Schritt in diese Richtung: ein definierter, prüfbarer Standard für trichologische Kompetenz in Deutschland. Die wachsende Zahl von Kolleginnen und Kollegen, die sich in diesem Fach weiterbilden, ist ein weiterer. Die neue AWMF-Leitlinie zur Alopecia areata, die 2026 erschienen ist, zeigt, dass das Fach wissenschaftlich aufholt.

Aber es bleibt viel zu tun. Zu viele Patientinnen und Patienten suchen zu lange nach jemandem, der ihnen zuhört. Zu viele bekommen eine Diagnose, die niemand wirklich gestellt hat. Zu viele hören: Blutbild normal, abwarten. Das kann ich nicht akzeptieren und deshalb bin ich nicht nur in der Sprechstunde aktiv, sondern auch als Beirätin von Alopecia Areata Deutschland e.V., als Mitinitiatorin einer Selbsthilfegruppe für vernarbende Alopezie und als jemand, der schreibt, lehrt und laut ist.

Was mich antreibt.

Ich ende die meisten Tage mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Nicht immer. Mancher Tag ist schwer: wenn eine Diagnose zu spät kommt, wenn eine Therapie nicht anspricht, wenn jemand zu lange gewartet hat und die Optionen kleiner sind, als sie hätten sein müssen.

Aber dann gibt es die anderen Momente. Die Patientin, die nach Jahren endlich weiß, was sie hat. Der Patient, dem zum ersten Mal jemand erklärt, warum sein Haar ausfällt und was das bedeutet. Das Gespräch, das Klarheit schafft, wo vorher nur Unsicherheit war.

Das sind die Momente, für die ich arbeite.

Haarausfall ist ein Symptom. Kein Schicksal. Und wer früh kommt, hat mehr Optionen. Das ist keine Floskel. Das ist das, wofür ich täglich stehe.

Dr. med. Karin Beyer

Fachärztin für Dermatologie und Allergologie

Haardiagnose Dr. Beyer, Essen

Referenz: 

Donovan J. A New Framework for Understanding Hair-Driven Medical Decisions. Int J Dermatol. 2026;65:429-432.

Originalarbeit zum HairFirst-Gruppen-Framework. Beschreibt 5 Kategorien von Patientinnen, die Haarerhalt über andere medizinische Empfehlungen stellen.

Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.

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