Mein Darm macht meine Haare krank — stimmt das wirklich?
Was aktuelle Forschung zum Thema Darm-Mikrobiom und Alopecia areata sagt. Und was nicht.
APR. 26, 2026
„Vielleicht muss ich nur anders essen.” Dieser Gedanke taucht immer wieder auf: in Foren, auf Social Media, in der Sprechstunde. Und er ist verständlich. Wenn die Diagnose Alopecia areata kommt, kommt auch die Frage: Was habe ich falsch gemacht? Was darf ich noch essen? Was sollte ich weglassen?
Genau diese Frage erreichte mich gestern im Webinar des AAD e.V. Ein Teilnehmer wollte wissen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Darm und Alopecia areata? Und wenn ja, was sollte ich tun?
Die ehrliche Antwort ist: Es gibt Hinweise, aber keine gesicherten Kausalzusammenhänge. Und es gibt derzeit keine Empfehlung, die ich meinen Patientinnen und Patienten auf Basis der vorliegenden Evidenz geben kann außer einer. Doch dazu später.
Was ist das Darmmikrobiom überhaupt?
Im menschlichen Darm leben Billionen von Mikroorganismen: Bakterien, Viren, Pilze und andere Kleinstlebewesen. Ihre Gesamtheit bezeichnet man als Darmmikrobiom. Diese Gemeinschaft ist alles andere als passiv: Sie produziert Stoffwechselprodukte, reguliert das Immunsystem und beeinflusst, wie der Darm auf Entzündungen reagiert.
Eine der wichtigsten Gruppen dieser Stoffwechselprodukte sind die sogenannten kurzkettigen Fettsäuren (englisch: short-chain fatty acids, kurz SCFAs). Eine davon heißt Butyrat. Butyrat entsteht, wenn Darmbakterien Ballaststoffe aus der Nahrung abbauen. Es hilft, die Darmschleimhaut intakt zu halten, und trainiert das Immunsystem, nicht überzureagieren. Es fördert also das, was Immunologen als regulatorische T-Zell-Funktion bezeichnen.
Ist diese Balance gestört (zu wenig nützliche Bakterien, zu wenig Vielfalt, zu wenig SCFA-Produktion) spricht man von Darmdysbiose. Diese veränderte Zusammensetzung wurde mit verschiedenen Autoimmunerkrankungen in Verbindung gebracht: Colitis ulcerosa, Multiple Sklerose, Typ-1-Diabetes.
Und Alopecia areata?
Alopecia areata ist eine Autoimmunerkrankung. Das ist gesichert.
Bevor wir über den Darm reden, lohnt es sich, das Wesentliche in Erinnerung zu rufen: Alopecia areata ist eine Autoimmunerkrankung. Das bedeutet: Das eigene Immunsystem greift irrtümlich die Haarfollikel an. Normalerweise sind Haarfollikel durch einen Mechanismus geschützt, den man als immunologisches Privileg bezeichnet. Das Immunsystem erkennt sie nicht als Angriffsziel. Bei Alopecia areata funktioniert dieser Schutz nicht mehr.
Die Ursache dafür ist genetisch mitbedingt. Wer bestimmte Varianten in immunregulierenden Genen trägt (unter anderem HLA-Gene, die eine Schlüsselrolle bei der Immunerkennung spielen) hat ein erhöhtes Risiko. Der Darm allein erklärt das nicht. Niemand ist krank geworden, weil er falsch gegessen hat.
Was sagt die aktuelle Forschung?
In diesem Monat (April 2026) wurde im International Journal of Dermatology ein Viewpoint-Artikel von McMullen et al. veröffentlicht, der den aktuellen Stand zusammenfasst. Das Ergebnis ist klar: Die Begeisterung in der Forschung läuft der Evidenz voraus. Derzeit gibt es keine ausreichende Grundlage, um Mikrobiom-Tests oder Mikrobiom-gerichtete Therapien bei Alopecia areata zu empfehlen.
Was weiß man tatsächlich? Es gibt rund ein Dutzend kleine Studien, die die Darmmikrobiota von Betroffenen mit der gesunder Kontrollpersonen verglichen haben. Einige fanden Unterschiede in der Bakterienzusammensetzung, andere nicht. Bestimmte Bakteriengattungen (etwa Blautia, Dorea und Collinsella) waren in mehreren Studien erhöht. Andere Gattungen wurden mal als erhöht, mal als erniedrigt beschrieben. Kein konsistentes Bild, kein reproduzierbares „Alopecia-areata-Mikrobiom”.
Die Autoren benennen vier Kernfragen, die die Forschung bisher nicht beantworten konnte.
Hat Alopecia areata eine einheitliche Mikrobiom-Signatur? Nein, zumindest ist keine gefunden worden, die sich in unabhängigen Studien wiederholt.
Ist die Dysbiose Ursache oder Folge? Das weiß man nicht. Es ist genauso gut möglich, dass eine aktive Autoimmunreaktion das Darmmikrobiom verändert und nicht umgekehrt.
Welche Faktoren spielen eine Rolle? Ernährung, Antibiotika-Einnahme, Stress, Infektionen, geografische Herkunft. All das beeinflusst das Mikrobiom und macht Studienvergleiche schwierig.
Verbessert sich die Alopecia areata, wenn man das Mikrobiom behandelt? Nein, nicht nachweisbar. Weder die mediterrane Ernährung (getestet an 20 Patientinnen und Patienten mit schwerer AA, ohne Effekt bei 19 von 20), noch Probiotika (keine signifikante Wirkung in einer randomisierten kontrollierten Studie) haben überzeugende Ergebnisse geliefert.
Das konzeptuelle Modell und warum es ehrlich ist
Das Paper von McMullen et al. enthält eine Abbildung, die ich für besonders aufschlussreich halte:

[Abbildung: McMullen E et al., Int J Dermatology 2026, DOI: 10.1111/ijd.70437. Open Access, CC BY-NC.]
Auf der linken Seite stehen Faktoren, die ein gesundes Mikrobiom begünstigen: ballaststoffreiche Ernährung, fermentierte Lebensmittel, Bewegung, Stillen. Auf der rechten Seite stehen Faktoren, die ein verändertes Mikrobiom begünstigen: verarbeitete Lebensmittel, Antibiotika, Rauchen, Übergewicht, bestehende Darmerkrankungen. In der Mitte: mehrere offene Forschungsfragen.
Die Autoren schreiben ausdrücklich: Dieses Modell ist spekulativ. Kausale Beziehungen beim Menschen sind noch nicht nachgewiesen.
Das ist wissenschaftliche Redlichkeit und genau das, was Betroffene hören sollten, bevor sie Geld für kommerzielle Mikrobiom-Analysen ausgeben.
Was ist mit der Stuhltransplantation?
Ein Thema, das immer wieder auftaucht, ist die fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT), umgangssprachlich Stuhltransplantation. Dabei wird das Darmmikrobiom einer gesunden Person auf eine erkrankte übertragen. Es gibt einzelne Fallberichte, in denen Betroffene mit Alopecia areata nach einer FMT (die primär wegen einer anderen Darmerkrankung durchgeführt worden war ) Haarwuchs zeigten. Diese Berichte sind interessant, aber nicht belastbar: Sie schließen eine spontane Remission nicht aus, und in nur einem der zwei meistzitierten Fälle war die Verbesserung kosmetisch relevant.
FMT bei Alopecia areata wird derzeit in Studien untersucht. Das ist der korrekte Rahmen. Außerhalb kontrollierter klinischer Studien kann diese Methode aktuell weder hinsichtlich Wirksamkeit noch Sicherheit empfohlen werden.
Meine These: Alopecia areata ist keine Darmerkrankung
Ich sage das klar, weil ich es für wichtig halte: Alopecia areata ist keine Darmerkrankung. Der Ausgangspunkt liegt im Immunsystem, in der genetischen Veranlagung, im Versagen des immunologischen Privilegs am Haarfollikel. Das ist kein Ernährungsproblem, das man mit dem richtigen Speiseplan lösen kann.
Das bedeutet nicht, dass Ernährung irrelevant ist. Eine ballaststoffreiche, wenig verarbeitete Ernährung unterstützt ein diverses Mikrobiom, das entzündungsdämpfend wirken kann. Das ist eine vernünftige Empfehlung nicht als Therapie, sondern als unterstützende Maßnahme.
Ernährung ist nicht erstlinientherapeutisch. Sie kann unterstützend wirken.
Und noch etwas: Wenn Essen zur Dauerbaustelle wird, entsteht neuer Stress. Und Stress ist für das Immunsystem selten hilfreich. Gesunde Ernährung darf unterstützen, aber sie darf nicht das Leben bestimmen.
Die eine Ausnahme: Zöliakie
Es gibt eine Ausnahme, die ich in meiner Sprechstunde konsequent abkläre: Zöliakie. Diese chronische Autoimmunerkrankung des Dünndarms wird durch Gluten ausgelöst, führt zu anhaltender Entzündung der Darmschleimhaut und zu Nährstoffmangel — unter anderem an Eisen, Zink, Biotin und Vitamin D, also genau jenen Mikronährstoffen, die für das Haarwachstum relevant sind. Zöliakie und Alopecia areata teilen genetische Risikofaktoren (HLA-DQ2/DQ8) und treten häufiger gemeinsam auf als zufällig zu erwarten wäre.
Wer an Alopecia areata leidet und zusätzlich über Verdauungsbeschwerden, Blähungen, chronische Müdigkeit oder bekannte Mangelzustände klagt, sollte auf Zöliakie getestet werden. Eine glutenfreie Ernährung ohne nachgewiesene Zöliakie ist hingegen keine evidenzbasierte Empfehlung.
Was ich meinen Patientinnen und Patienten sage
Wenn jemand in meiner Sprechstunde fragt, ob er für mehrere hundert Euro sein Darmmikrobiom analysieren lassen soll, antworte ich: Nein, nicht auf Basis des aktuellen Wissensstands. Wir wissen nicht, wie ein „normales” Mikrobiom bei Alopecia areata aussehen soll, wir wissen nicht, ob die Veränderungen Ursache oder Folge sind, und wir haben keine Therapie, die das Mikrobiom gezielt und wirksam verbessert.
Was ich stattdessen empfehle: eine ballaststoffreiche Ernährung, reich an Gemüse, Hülsenfrüchten und fermentierten Lebensmitteln. Nicht als Medikament, sondern weil sie dem gesamten Organismus guttut. Und im Zweifel schadet sie nicht.
Mikrobiom-Forschung und Alopecia areata bleiben ein spannendes Feld. Aber wir sind noch nicht am Punkt, an dem daraus Behandlungsempfehlungen werden können.
Mehr dazu in meinem Newsletter. Evidenzbasiert, für Betroffene und Kollegen.
Quelle: McMullen E et al. „The Gut Microbiome as a Therapeutic Target in Alopecia Areata: Not Yet Part of the Patient Treatment Plan.” International Journal of Dermatology, 2026. DOI: 10.1111/ijd.70437. Open Access (CC BY-NC).
Dieser Artikel wurde verfasst von Dr. Karin Beyer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie.







